Tafel 8
Tafel vorlesen lassenDer Pfarrernotbund formiert sich (Katalog 12)

Die Einführung des Arierparagrafen durch die preußische Generalsynode vom 4./5. September 1933 blieb aber nicht ohne Reaktion. Einige der Pfarrer, die die Synode unter Protest verlassen hatten, trafen sich in den nächsten Tagen, um darüber zu beraten, wie man auf die Rechtsbrüche der Deutschen Christen reagieren sollte. In Berlin waren es vor allem Niemöller, Jacobi, Scharf, von Rabenau und Bonhoeffer.

Gerhard Jacobi (1871-1971) Martin Niemöller (1892-1984) Eitel-Friedrich von Rabenau (1884-1959)

Gerhard Jacobi (1881-1971). Seit 1930 Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche in Berlin; 1945 Generalsuperintendent von Berlin (West); 1954-1967 Bischof von Oldenburg

Martin Niemöller (1892-1984). Pfarrer in Berlin-Dahlem; Vorsitzender des Pfarrernotbundes.

Eitel-Friedrich von Rabenau (1884-1959). Pfarrer an der Apostel-Paulus-Kirche in Berlin Schöneberg.

Kurt Schaf (1902-1990) Franz Hildebrandt (1909-1985) Hermine Hermes (1892-1979)

Kurt Scharf (1902-1990). Seit 1933 Pfarrer in Sachsenhausen/Oranienburg; seit 1935 Präses des Bundesrats der Bekennenden Kirche in Brandenburg; nach 1945 Propst in Brandenburg, Wohnsitz in Berlin (Ost); 1961-1967 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland; 1966-1976 Bischof von Berlin Brandenburg; ab 1973 nur noch für Berlin (West), für Berlin (Ost) ist Bischof Schönherr zuständig; seit 1977 im aktiven Ruhestand, unter anderem Vorsitzender von Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste.

Franz Hildebrandt (1909-1985) war zusammen mit Dietrich Bonhoeffer bis Ende 1933 Auslandspfarrer in London. Im Januar 1934 wurde er von Martin Niemöller nach Dahlem geholt, um die Geschäftsleitung des Pfarrernotbundes zu übernehmen. Neben seiner Tätigkeit im Pfarrernotbund arbeitete er auch in der Gemeinde Dahlem. Als "Nichtarier" emigrierte er nach Niemöllers Verhaftung 1937 nach England. Zuletzt lebte er als emeritierter Professor in Edingburgh.

Hermine Hermes (1892-1979). Sie führte von 1933 bis nach dem Krieg die Geschäfte des Pfarrernotbundes; ohne ihren Einsatz wäre der Pfarrernotbund nicht denkbar gewesen.

Die Gründung des Pfarrernotbundes soll – nach persönlichen Berichten – in der Küchennische Information des Dahlemer Pfarrhauses beschlossen worden sein, da sich in Niemöllers Amtszimmer eine Abhöranlage befand. Am 19.9.1933 wurde ein von Niemöller entworfener Aufruf an alle Amtsbrüder im Reich verschickt, dem neugegründeten Pfarrernotbund beizutreten und die beigefügte Verpflichtungserklärung damit anzuerkennen. Nach Niemöllers Berichten soll die Erklärung auf der Jacht 'Ariadne' seines Marinefreundes Otto Steinbrink auf dem Wannsee entstanden sein. Mit den Unterschriften der angeschriebenen Amtsbrüder hoffte man, auf der Nationalsynode ein größeres Gewicht zu bekommen.

Die Verpflichtungen des Pfarrer-Notbundes

  1. Ich verpflichte mich, mein Amt als Diener des Wortes auszurichten allein in der Bindung an die Heilige Schrift und an die Bekenntnisse der Reformation als die rechte Auslegung der Heiligen Schrift.
  2. Ich verpflichte mich gegen alle Verletzung solchen Bekenntnisstandes mit rückhaltlosem Einsatz zu protestieren.
  3. Ich weiß mich nach bestem Vermögen mit verantwortlich für die, die um solchen Bekenntnisstandes willen verfolgt werden.
  4. In solcher Verpflichtung bezeuge ich, daß eine Verletzung des Bekenntnisstandes mit der Anwendung des Arier-Paragraphen im Raum der Kirche Christi geschaffen ist.
Einer der ersten Aufrufe Martin Niemöllers zum Beitritt in den Pfarrernotbund.

Einer der ersten Aufrufe Martin Niemöllers zum Beitritt in den Pfarrernotbund.

Der Notbund sollte den vereinzelten Gemeindepfarrern Rückhalt gegenüber der DC-Mehrheit geben. Seine erste konkrete Aufgabe bestand darin, die vom Arierparagrafen betroffenen Pfarrer finanziell zu unterstützen. Als Leitung des Pfarrernotbundes wurde ein Bruderrat gegründet, dessen Vorsitzender Martin Niemöller wurde. Der Notbund bestand bis 1945 und sicherte während dieser Jahre den Lebensunterhalt der Pfarrer und kirchlichen Mitarbeiter, die von den offiziellen Kirchenbehörden entlassen wurden bzw. in Haft saßen. Jedes Mitglied verpflichtete sich zu einem regelmäßigen Monatsbeitrag:

Hilfsprediger: RM 2,50
Pfarrer RM 5,00

Bereits nach einer Woche waren 1500 dem Aufruf Niemöllers gefolgt; im Januar 1934 hatte der Notbund 7036 Mitglieder. Nach dem 25. Januar 1934 (siehe Tafel 10) mussten viele Pfarrer auf Weisung ihrer Bischöfe austreten; die Mitgliederzahl blieb aber in den folgenden Jahren konstant bei ca. 5000.

Übersicht über die vom Pfarrernotbund verwalteten Finanzen von 1934-1945

Gehaltsausfälle

1 971 563,77 RM

Strafgelder

54 621,54 RM

Rechtsbeihilfe

157 190,50 RM

Ausgewiesenenhilfe

41 320,35 RM

Summe

2 224 696,16 RM

Karteikarte des Pfarrernotbundes für Herbert Mochalski

Karteikarte des Pfarrernotbundes für Herbert Mochalski (später Pfarrer in Dahlem). Auf diesen Karteikarten vermerkte Hermine Hermes die gezahlten Beiträge bzw. Beihilfen eines jeden Mitglieds des Pfarrernotbundes.

 

Der Pfarrernotbund wollte sich durchaus nicht als politisch-oppositionelle Gruppe im nationalsozialistischen Staat verstehen. Dies zeigt ein Telegramm Niemöllers an Hitler anlässlich des Austritts Deutschlands aus dem Völkerbund vom 15.10.1933:

"In dieser für Volk und Vaterland entscheidenden Stunde grüßen wir unseren Führer. Wir danken für die mannhafte Tat und das klare Wort, die Deutschlands Ehre wahren. Im Namen von mehr als 2500 evangelischen Pfarrern, die der Glaubensbewegung Deutscher Christen nicht angehören, geloben wir treue Gefolgschaft und fürbittendes Gedenken."


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