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Tafel vorlesen lassenAntisemitismus - eine Tradition und ihre Folgen (Katalog 10)

Der Reformator Martin Luther hatte einen christlich begründeten Antijudaismus vertreten. Er war darin ein Kind seiner Zeit, des ausgehenden Mittelalters. Anfangs hatte er noch gehofft, die Juden zum Glauben an Jesus Christus bekehren zu können, wie ihn der entstehende Protestantismus lehrte. Als sie sich aber beharrlich weigerten, sich taufen zu lassen, machte er seiner Enttäuschung in erbitterten antijüdischen Angriffen Luft. Er empfahl den christlichen deutschen Fürsten, eine "scharfe Barmherzigkeit" zu üben, und legte einen Maßnahmenkatalog zur Behandlung der Juden vor: Ihre Synagogen und Schulen sollten niedergebrannt, die rabbinische Unterweisung verboten und die Juden in Arbeitslager gebracht werden.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich dann ein politisch-national begründeter Antisemitismus. Der mit einem Straßennamen im Berliner Bezirk Steglitz geehrte Heinrich von Treitschke, Historiker an der Berliner Universität und national-liberaler Abgeordneter des preußischen Landtags, verband in seinem Weltbild glühenden preußischen Nationalismus, Luthertum und Antisemitismus. Von ihm stammt der von den Nationalsozialisten zitierte Satz: "Die Juden sind unser Unglück".

Martin Luther Straßenschild in Berlin Steglitz

Martin Luther

Straßenschild in Berlin Steglitz

Seine spezifisch rassistische Ausprägung erhielt der Antisemitismus erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch die sich an Darwin anschließenden Rassentheorien von A. Gobineau und H. ST. Chamberlain. Darin wird der biologisch kulturelle Vorrang der "nordischen Rasse" vor der "jüdisch-semitischen" Rasse behauptet und "wissenschaftlich" begründet. Dieser Rassismus wurde zu einem wesentlichen Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Schon im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 heißt es:

"Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf die Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein."

1933

Die ersten Maßnahmen der an die Macht gekommenen Nationalsozialisten waren die Organisation eines Boykotts gegen jüdische Geschäfte sowie die Entlassung aller jüdischen Beamten. Im Gesetz zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 hieß es:
"Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzten".
Dieses Gesetz richtete sich nicht nur gegen jüdische Beamte, sondern ebenso gegen Demokraten, Sozialisten, Kommunisten und konservative Kritiker der Regierung im Staatsdienst: "Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden".

1935

Im Jahr 1935 erst wurde durch das Reichsbürgergesetz der Begriff "Jude" definiert und die Juden aus der Gemeinschaft der Staatsbürger ausgeschlossen, zu Menschen zweiter Klasse gemacht. Während nach Luthers Verständnis ein Jude aufhörte, Jude zu sein, sobald er sich taufen ließ, definierten die Nationalsozialisten den Begriff allein "biologisch". Unabhängig von ihrem religiösen und politischen Bekenntnis waren alle von Juden abstammenden Menschen den Verfolgungen ausgesetzt. Dabei gehört es zu den Ungereimheiten der nationalsozialistischen Rassenideologie, dass das Kriterium für die "Rasse" das religiöse Bekenntnis, wenn nicht des betreffenden Menschen selbst, dann das seiner Großeltern war, weil ein biologisches Kriterium gar nicht existiert.

Deutsche Allgemeine Zeitung vom 15.11.1935, Ausgabe Groß-Berlin, Freitagabend 1.Boykott eines jüdischen Geschäfts am 1.4.1933

Deutsche Allgemeine Zeitung vom 15.11.1935, Ausgabe Groß-Berlin, Freitagabend

Boykott eines jüdischen Geschäfts am 1.4.1933

Gesetze, Verordnungen und Maßnahmen gegen jüdische Bürger 1933-1938

1. April 1933

Boykott jüdischer Unternehmen.

7. April 1933

Gesetz zur Wiederherstellung des "Berufsbeamtentums". Ausschaltung nichtarischer Beamter (mit einigen Ausnahmen). Anschließend entsprechende Gesetze für viele andere Berufsgruppen (die Ausnahmeregelung fiel mit dem Erlass der Nürnberger Gesetze fort.).

Frühjahr 1933

Errichtung der ersten Konzentrationslager (Dachau, Oranienburg unter anderen).

22. September 1933

Reichskulturkammer-Gesetz (schaltete Juden aus dem deutschen Kulturleben aus).

Sommer 1933

Gründung des "Jüdischen Kulturbundes" (zunächst in Berlin, dann in weiteren Städten des Reiches).

Vom Frühjahr 1933 an

Verstärkter Druck zur Auswanderung der Juden nach Palästina.

21. Mai 1935

Wehrgesetz. Arische Abstammung Voraussetzung zum Heeresdienst.

6. August 1935

Zusammenfassung aller jüdischen Kulturschaffenden im Reichsverband jüdischer Kulturbünde unter Aufsicht des Sonderbeauftragten Hans Hinkel.

Ab Sommer 1935

Verstärkte Aktion "Juden unerwünscht": Schilder an Ortseingängen, Badeanstalten, Cafés, Geschäften usw.

Parteitag Nürnberg

Der Reichsparteitag beschließt in Sondersitzung "Reichsbürgergesetz" und "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre": "Reichsbürger ist nur der Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes." "Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutscher oder artverwandter Rasse sind verboten", ebenso "außerehelicher Verkehr". "Rassenschande" wurde später mit dem Tode bestraft. Alle jüdischen Beamten (auch Frontkämpfer) wurden am 31. Dezember 1936 pensioniert.

Sommer 1936

Mit Rücksicht auf die ausländischen Besucher der Olympischen Spiele werden die antisemitischen Schilder vorübergehend entfernt.

28. März 1938

Die jüdischen Gemeinden, bislang noch Körperschaften des öffentlichen Rechts, werden private Vereine (Kulturvereinigungen).

22. April 1938

Verordnung gegen die "Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe".

26. April 1938

Verordnung über die Anmeldung des Vermögens der Juden (diese Verordnung bereitete die Ausschaltung der Juden aus der deutschen Wirtschaft und ihre Enteignung vor.).

1.Hitlerjungen bauen einen „jüdischen“ Schneemann.

Hitlerjungen bauen einen "jüdischen" Schneemann

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