Tafel 37
Tafel vorlesen lassenChronologie der Wiederaufrüstung (Katalog 39)

1. Entmilitarisierung

Nach der bedingungslosen Kapitulation am 8.5.1945 beschlossen die vier Siegermächte im Potsdamer Abkommen vom 2.8.1945 unter anderem die völlige Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschlands. Von deutschem Boden sollte nie wieder ein Krieg ausgehen können!

2. USA für westdeutsche Aufrüstung

Vordringlichstes Ziel amerikanischer Außenpolitik nach 1945 war das Zurückdrängen kommunistischen Einflusses in Europa. Beeindruckt von den militärischen Leistungen Deutschlands während des 2. Weltkrieges reizte es sie, deutsche Militärkräfte für ihre Strategie mit zu verwenden.

3. Adenauer-Regierung betreibt Aufrüstung

Bald nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Mai 1949 bereitete die CDU-Regierung unter Adenauer die Aufstellung einer Westdeutschen Streitmacht im Rahmen einer westeuropäischen Armee vor; denn nach Adenauer kann nur der Politik machen, der Kraft (Armee) besitzt, insbesondere wenn es gilt, die Gebiete jenseits der Oder und Neiße "für die Freiheit" zurückzugewinnen.

4. Widerstände

Innenminister Heinemann tritt Ende August 1950 wegen des eigenmächtigen Vorgehens Adenauers in der Aufrüstungsfrage zurück. Die KPD organisiert eine Volksbefragung, die - obgleich im April 1951 vom Innenminister verboten - dennoch bis März 1952 5917683 Stimmen gegen eine Remilitarisierung Westdeutschlands erbringt.

5. Wehrpflicht

1956 wird die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.

6. Militärseelsorge

Im Februar 1957 schließt Otto Dibelius eigenmächtig im Namen der gesamten evangelischen Kirche in Deutschland mit Adenauer und Verteidigungsminister Strauß einen "unkündbaren" Militärseelsorgevertrag.

Vor der Bundestagsdebatte um die Ratifizierung der Pariser Verträge (Beitritt der Bundesrepublik zur Westeuropäischen Union; Verzicht der Bundesrepublik, auf westdeutschem Gebiet ABC-Waffen herzustellen) im Jahre 1955 lädt Oppositionsführer Ollenhauer zum 29.1.1955 gemeinsam mit dem DGB-Vorsitzenden Freitag und anderen zu einer Kundgebung in der Paulskirche ein unter dem Motto: "Rettet Einheit, Frieden und Freiheit". Neben Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern nahmen an dieser Versammlung auch eine Reihe protestantischer Kirchenleute teil, darunter etliche Pfarrer aus der Bekennenden Kirche. Das Hauptreferat hielt Helmut Gollwitzer.

Während der Rede Helmut Gollwitzers in der Frankfurter Paulskirche am 29. Januar 1955

Während der Rede Helmut Gollwitzers in der Frankfurter Paulskirche am 29. Januar 1955

Auf dieser Versammlung wurde das sogenannte "Deutsche Manifest" verabschiedet, das im Interesse der Einheit des deutschen Volkes die westdeutsche Aufrüstung ablehnte.

 
Deutsches Manifest

1955

Doch kurz danach, am 27.2.1955, stimmt die Mehrheit des Bundestages für den Beitritt der Bundesrepublik zum westlichen Bündnis.

1956

Die Regierungspolitiker gaben sich mit der konventionellen Aufrüstung der Bundeswehr nicht zufrieden. Im Frühjahr 1956 weißt Bundesverteidigungsminister Blank darauf hin, dass die deutschen Truppen mit allen Waffen ausgerüstet werden, wie sie die NATO hat und sie ein möglicher Gegner im Kriegsfall anwenden würde.

1957

Im Frühjahr 1957 erklärt Bundesverteidigungsminister Strauß, er sei der festen Auffassung, dass die atomare Aufrüstung in allen europäischen Heeren kommen werde. Der Minister wies ungeschminkt auf die Gefahren einer atomaren Kriegsführung hin und hob hervor, dass dieser apokalyptischen militärischen Zukunft sich auch die Bundeswehr anpassen müsse. "Ein Krieg wird in Europa ein Atomkrieg sein."

Als erstes Vertretungsorgan aus dem kirchlichen Bereich verabschiedet die Synode der EKD im Juni 1956 eine "Theologische Erklärung", in der sie feststellt, dass das Evangelium den Christen verwehre, die Wissenschaft "zur Herstellung von Massenvernichtungsmitteln zu missbrauchen, die durch keinen Zweck geheiligt werden können" - eine eindeutige Forderung an die Christen unter den Kernphysikern, sich an Entwicklung und Herstellung von Atomwaffen nicht zu beteiligen.

Im April 1957 bezeichnet Adenauer die taktischen Atomwaffen als "Weiterentwicklung der Artillerie". Als Reaktion darauf wird die "Erklärung der Göttinger 18" am 12.4.1957 durch den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Prof. Dr. Otto Hahn veröffentlicht. In ihr warnen die Atomforscher vor den begrenzbaren Folgen des Einsatzes strategischer Atomwaffen. Sie fordern deshalb die Bundesrepublik zum freiwilligen Verzicht auf Atomwaffenbesitz auf und lehnen ihre Beteiligung an Herstellung, Erprobung und Einsatz von Atomwaffen ab. Adenauers Antwort: Der ausdrückliche und freiwillige Verzicht auf den Besitz von Atomwaffen bedeute praktisch die Auflösung der NATO.
Mit der bundesweiten Kampagne "Kampf dem Atomtod" (KdA) riefen seit März 1958 SPD, DGB, einzelne Kirchenvertreter und Intellektuelle zum Widerstand gegen die Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen auf.
Daneben setzte eine Welle spontaner Protestaktionen in Form von Arbeitsniederlegungen, Schweigemärschen und Mahnwachen ein. Die KdA-Kampagne verlor aber noch im gleichen Jahr an Kraft, nachdem sie von CDU/CSU-Seite als kommunistisch und prosowjetisch attackiert wurde und SPD und DGB – bei wachsender Kommunisten-Furcht in westdeutschen Wohnstuben – um ihre Anhängerschaft fürchten mussten. 1958 legt sich die Evangelische Kirche auch auf ihr "sowohl als auch" fest, was heißt, dass die Erhaltung des Friedens auch mit Massenvernichtungsmitteln möglich sei.
Von dieser indifferenten Haltung ist die Evangelische Kirche in Deutschland bis heute nicht weggekommen.

Martin Niemöller und Heinz Kloppenburg (rechts) 1958 auf einer Kundgebung der Kampagne „Kampf dem Atomtod“

Martin Niemöller und Heinz Kloppenburg (rechts) 1958 auf einer Kundgebung der Kampagne "Kampf dem Atomtod"

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