Tafel 34
Tafel vorlesen lassenAuswege? (Katalog 34)

Seid Untertan der Obrigkeit, denn alle Obrigkeit ist von Gott

Dieser Satz aus dem Römerbrief war für lutherische Christen in Deutschland seit Jahrhunderten die wichtigste Regel für ihre Rolle als Staatsbürger bzw. Untertanen. Die eigentlich selbstverständliche Grenze dieses Satzes, nämlich dass ein Christ nichts tun darf, was gegen Gottes Gebot verstößt, wurde dabei weit in den Hintergrund gedrängt.

Es war deshalb für Christen auf aller Welt ein langer Weg zu erkennen, dass in dem zur Mörderorganisationen gewordenen NS-Staat christliche Existenz nur im Verstoß gegen geltende Gesetze möglich war. Dabei war die Umsetzung dieser Erkenntnis in die Tat für Christen bürgerlicher Herkunft sicher noch viel schwieriger als zum Beispiel für Menschen aus proletarischen Schichten: sozialdemokratische Arbeiter waren seit Bismarcks Sozialistengesetzen daran gewöhnt, Genossen vor der Polizei zu verstecken.

Nur wenige Einzelne kamen während des Faschismus bis dahin, mit illegalen Mitteln Juden zu retten. Die Arbeit einer Gruppe soll hier dargestellt werden. In einer Arbeitsgemeinschaft in der Dahlemer Bekenntnisgemeinde forderte 1941 Franz Kaufmann die Teilnehmer auf, gemeinsam soviel jüdische Menschen wie möglich den Mördern zu entreißen: "Wo ist unsere Gemeinschaft im Glauben, wenn wir die Gefahr der Verfolgten nicht mit ihnen teilen?"

Kaufmann konnte nicht mehr ertragen, dass in den Dahlemer Gottesdiensten und Bibelkreisen zwar die Gemeinschaft zwischen "Ariern" und "Nichtariern" täglich bezeugt, aber nur so lange praktiziert wurde, bis die SS die "Nichtarier" abholte zur Deportation. Ihm kam es darauf an, einzelne vor dem Tod in den Vernichtungslagern zu retten. Die von ihm initiierte Hilfe beschränkte sich danach auch nicht mehr nur auf die zur Kirche gehörenden Juden.

Helene Jacobs berichtete 1947 von der auf Kaufmanns Anregung hin geleistete Arbeit:

"Wichtig war es vor allem, möglichst für jeden Versteckten einen mit seinem Bild versehenen Personalausweis zu beschaffen. Es gelang, aus dem Kreis der Schutzbefohlenen einen jungen Grafiker aufzufinden, der die Stempel täuschend ähnlich auf den ausgewechselten Bildern nachzog. Zahlreiche hilfsbereite Menschen gaben für diesen Zweck ihre Kennkarte, ihren Personalausweis, ihren Wehrpass, ihr Arbeitsbuch, ihren Mutterkreuzausweis oder andere Dokumente her.

Aber der Kreis von Personen, die ihre Ausweise aus reiner Hilfsbereitschaft zur Verfügung stellten, war naturgemäß sehr beschränkt. Kaufmann sah sich daher genötigt, auch mit Menschen in Verbindung zu treten, die ihre Ausweise für diesen Zweck verkauften. Die versteckt Lebenden mussten auch mit Lebensmitteln versorgt werden. In einigen Gemeinden und unter gleichgesinnten Freunden wurden auf's eifrigste Lebensmittelkarten hierfür gesammelt. … Dennoch konnte der Bedarf auf diese Weise nicht befriedigt werden. … Um die regelmäßige Versorgung sicherzustellen, nahm Kaufmann schließlich Verbindungen zu Unterweltskreisen auf, die gegen Bezahlung Lebensmittelkarten verschafften. Zum Teil stammten sie aus Diebstählen bei Kartenstellen
."

Helene Jacobs, geboren 1906

Helene Jacobs, geboren 1906

Bis 1939 Mitarbeiterin bei einem jüdischen Patentanwalt. Mitglied der Dahlemer Bekenntnisgemeinde. Im Januar 1944 wegen Mithilfe zur Urkundenfälschung und Lebensmittelkartenhehlerei zu 2 ½ Jahren Zuchthaus verurteilt. Bis 1945 in Haft. Nach dem Krieg im Entschädigungsamt tätig. Sie bemüht sich um das Gespräch zwischen Juden und Christen, zum Beispiel in gemeinsamen Bibelauslegungen mit Juden, Katholiken und Protestanten. Lebt in Berlin Wilmersdorf.

Franz Kaufmann (1886 – 1944)

Franz Kaufmann (1886 – 1944)

Jurist. Bis 1933 Oberregierungsrat, als Nichtarier“ aus dem Staatsdienst entlassen. Er organisierte die Tätigkeit der Gruppe aus der Dahlemer Gemeinde, die für Juden Pässe und Lebensmittelkarten besorgte, damit sie im Untergrund leben konnten bzw. ins Ausland gelangten.
Als diese Gruppe festgenommen wurde, bekam Kaufmann kein Gerichtsverfahren, sondern wurde im Januar 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen nach schwerer Misshandlung erschossen.

Hildegardt Jacoby (1903 – 1944)

Hildegardt Jacoby (1903 – 1944)

Bis 1933 als Wohlfahrtspflegerin tätig. 1933 wurde sie als "Halbarierin" aus dem Staatsdienst entlassen. Anstellung als Pfarramtssekretärin, Mitarbeiterin des Brandenburger Bruderrats.
Nachdem sie einen Ausweis für eine Jüdin zur Verfügung gestellt hatte, wurde sie zusammen mit Helene Jacobs, Franz Kaufmann und anderen verhaftet und im Januar 1944 zu 1 ½ Jahren Zuchthaus verurteilt.
Da sie in der Haft erkrankte, bekam sie Haftverschonung, starb aber am Tag ihrer Entlassung, am 2. Juni 1944.

Gertrud Staewen (1894 – 1987)

Gertrud Staewen (1894 – 1987)

Ausgebildete Fürsorgerin. Mitarbeit in der Sozialen Arbeitsgemeinschaft bei Pfarrer Siegmund-Schultze in Berlin; Freundschaft mit Karl Barth.
Nach 1933 Sekretärin im Burckardthaus in Berlin-Dahlem, als Lebensunterhalt für sich und ihre zwei Kinder. Mitarbeiterin in der Bekenntnisgemeinde Dahlem. Sie engagierte sich zusammen mit ihren Freundinnen Helene Jacobs und Melanie Steinmetz in der Hilfe für verfolgte Juden.

Nach 1945 war sie "für irgendein bürgerliches Leben verdorben". Sie arbeitete bei der Zeitschrift "Unterwegs" mit und ab 1948 als Gefangenenbetreuerin im Berliner Gefängnis Tegel.
Gertrud Staewen teilt Helmut Gollwitzer am 25.8.1943 die Verhaftung von Helene Jacobs und Melanie Steinmetz mit. Sie schreibt in diesem Brief, sie sei gerade nicht in Berlin, P. Machalski habe sie gedrängt wegzugehen.

"denn meine lieben 2 nächsten Gemeindemitarbeiterinnen, von denen ich dir so oft schrieb, sind ganz plötzlich schwer erkrankt und sofort ins Krankenhaus gekommen. Und da es mit meiner Gesundheit so mies steht, wollte man, ich sollte mich erstmal selbst auskurieren und weit vom Schuß sein. Lieber Helmut, es ist ein schweres Unglück und wie es ausgeht, weiß wirklich nur Gott. Denk du daran! Sie haben sich an einer üblen Sache übernommen, die natürlich mit Röm. 9-11 zusammenhängt. ..."

Das heisst ihre Freundinnen sind verhaftet (= "plötzlich schwer erkrankt") und sitzen im Gefängnis ("Krankenhaus"). "Röm. 9-11" ist die Chiffre für Judenhilfe, denn in diesen drei Kapiteln des Römerbriefes legt Paulus die Zusammengehörigkeit des aus Juden und Heiden bestehenden Gottesvolkes dar und betont die bleibende Verheißung Gottes an die Juden. Gertrud Staewen konnte tatsächlich der Verhaftung entgehen, indem sie Berlin für einige Wochen verließ.

 
Das Urteil, das im Januar gegen die Gruppe gefällt wurde.

Das Urteil, das im Januar gegen die Gruppe gefällt wurde.

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