Tafel 33
Tafel vorlesen lassenDas Christentum am Ende? (Katalog: 35)

"Ich bin überzeugt, dass mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet."
(Elisabeth Schulz 1938)



Als im Oktober 1941 die ersten Berliner Juden deportiert wurden, waren davon auch Glieder der Dahlemer Gemeinde betroffen. Die Gemeinde war hilflos. Da sie nicht wusste, was sie gegen den Abtransport tun sollte, versuchte sie ihnen, so gut es ging, zu helfen:

Zusammensein während der letzten Stunden vor der "Abreise"

Helfen beim Zusammenpacken der Habseligkeiten
Warme Kleider und Mäntel besorgen
Lebensmittel beschaffen
Geeigneten Ort zur Unterstellung der Möbel finden (Sie erwarteten, dass sie irgendwann wieder zurückkommen würden.)
Trost spenden und sie nicht allein lassen.

Vorbereiten auf das Leben in den Lagern (Ghettos)

Unter der Leitung von Gertrud Staewen wurden Einzelne zu Laienpredigern ausgebildet, damit sie als ordinierte Geistliche andere getaufte Juden in den Lagern betreuen konnten.

Abschiedsgottesdienste mit Abendmahl in der Annen-Kirche

Als Gemeindeglieder noch emigrieren konnten, feierte die Gemeinde für alle, die auswanderten, einen Abschiedsgottesdienst vor der Ausreise. Die wurde auch dann beibehalten, als die „Reise“ nicht mehr ins sichere Ausland, sondern in die Konzentrationslager ging.


Versuche, mit den Deportierten weiterhin in Kontakt zu bleiben, durch Briefe und auch durch Übersendung von Kleidern und Lebensmitteln.

Rückblickend fragte Gertrud Staewen in Jahre 1947:

"Darf man sie überhaupt erwähnen, unsere kümmerlichen Versuche? Daß wir zum Beispiel versuchten, ihnen die letzte Zeit vor ihrer Deportation so liebevoll wie möglich zu gestalten, daß wir ihnen ihre Koffer für den Osten so zweckmäßig wie möglich packten und ihnen so viel wie möglich unserer rationierten Lebensmittel mitgaben?"

Georg Hamburger berichtet Gollwitzer über seine Ordination zum Laienprediger:

Brief aus Berlin-Halensee, den 11. Dez. 41

Berlin-Halensee, den 11. Dez. 41
Eisenzahnstr. 6

Lieber Herr Pastor!

… Heute nachmittag bin ich zum Laienprediger ordiniert worden (für den Fall meiner Evakuierung). Es war eine sehr schöne Feier. Herr Pfarrer B[öhm] gab mir die Worte Joh. 15, 16 und Jes. 58, 11, 12 mit. Der immer bereite Freund S[mend] assistierte. Gott möge mir Kraft verleihen zu diesem Amt, wenn ich es ausüben muss.

Hoffentlich sehen wir uns im nächsten Jahr einmal wieder.
Herzlichst Ihr Georg Hamburger

Georg Hamburger wurde im Sommer 1943 nach Theresienstadt deportiert. In dieses Konzentrationslager kamen ältere Juden, Weltkriegsteilnehmer und Personen, die aus irgendwelchen Gründen eine Sonderstellung hatten. Doch für die meisten Deportierten war Theresienstadt nur Durchgangsstation nach Auschwitz. Georg Hamburger starb 1944 in Theresienstadt.

Ein anderes Gemeindeglied, Frau Else Kayser, wurde im April 1942 deportiert. Von dem Abschiedsgottesdienst mit ihr am 1. April 1942 berichtet Helene Jacobs:

"Zu dem Abendmahl, das wir ganz zuletzt mit ihr feierten, versammelten wir uns unter der Losung des Tages: Siehe, ich will‘s mit allen denen aus machen zur selbigen Zeit, die dich beleidigen,; und will den Hinkenden helfen, und die Verstoßenen sammeln; und will sie zu Lob und Ehren machen in allen Landen, darin man sie verachtet (Zeph, 3,19).
Es konnte uns kein besseres Wort gegeben werden … Die Glieder, die getrennt werden sollten, wurden durch die Gemeinschaft des heiligen Abendmahls um so fester und sicherer zusammengeschlossen. Aber in ihrer äußeren Not mussten wir sie alleinlassen
."

Frau Kayser wurde in das Warschauer Ghetto deportiert. Sie ist dort wenige Wochen später an Lungenentzündung gestorben und wurde von mit ihr deportierten Frauen beerdigt, darunter die ebenfalls aus Dahlem stammenden Grete und Max Honig.

 

Eine Beerdigung im Warschauer Ghetto Das Grab Jochen Kleppers auf dem Friedhof Nikolassee

Eine Beerdigung im Warschauer Ghetto

Das Grab Jochen Kleppers auf dem Friedhof Nikolassee

Die letzten Briefe, die aus Belzyce nach Dahlem kamen, spiegelten deutlich die Todesangst der Deportierten wider und machten endgültig klar, dass es für die Deportierten keine Rückkehr gab.

Der folgende Brief ist an ein Dahlemer Gemeindeglied gerichtet:

Belzyce, den 18. Mai 1942

Mein liebes Fräulein X!
… Uns geht es nicht gut. Wie sehr wünschen wir, endlich erlöst zu sein. Wir sind keine Menschen mehr, sondern nur die Schatten davon. Was soll ich noch schreiben. Ich kann kaum noch denken. Jedenfalls wollte ich Ihnen antworten. Einen Trost haben wir: Der Herr wird es gut machen …
Ihre Marie Spiro

Viele Juden verweigerten sich ihren Verfolgern durch Selbstmord. Der Schriftsteller und Kirchenliederdichter Jochen Klepper nahm sich am 11. Dezember 1942, zusammen mit seine Familie, das Leben. Er sah keine Möglichkeit mehr, seine Stieftochter vor der Deportation zu bewahren. Viele Christen waren tief betroffen von diesem Selbstmord.

 

"… Ein Mann wie Klepper, der so durchdrungen war vom Evangelium, der schreiben, dichten, singen konnte, – er flieht … Könnte man hier nicht meinen, er (Gott) überlässt uns der Hölle, der Pein, der Not? …"

(Hedwig Grützner, 17.12.1942)

Das "nichtarische“ Gemeindeglied Georg Hamburger kann diesen Einzelfall angesichts der Masse an Selbstmorden gar nicht so wichtig nehmen:

"Meine letzten jüdischen Freunde haben teils durch Selbstmord geendet, teils sind sie nach dem Osten abgewandert (d.h. deportiert worden). Der Selbstmord von Jochen Klepper, der die Gemeinde hier so erregt, ist für mich überhaupt kein besonderes Geschehen, diese Dinge sind bei mir so an der Tagesordnung, dass es mir schwer fällt, den Einzelfall überhaupt noch besonders wichtig zu nehmen. Ich musste kürzlich gute Freunde, die ebenso geendet haben, zu Grabe tragen, und war erschüttert, draußen in Weißensee lange Reihen frischer Gräber zu sehen, zum größten Teil Selbstmorde …"

Brief Hamburgers an Gollwitzer vom 11.12.41

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