Tafel 31
Tafel vorlesen lassen"Um uns der gestirnte Himmel" (Katalog 33)

Die Juden sollten jedem erkennbar sein. So wurde ihnen befohlen, den Judenstern auf der Kleidung zu tragen:

Juden, die das sechste Jahr vollendet haben, ist es verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne Judenstern zu zeigen. Der Judenstern besteht aus einem handtellergroßen, schwarz ausgezogenen Sechsstern aus gelbem Stoff mit der schwarzen Aufschrift "Jude". Er ist sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks fest angenäht zu tragen.

(§1 Polizeiverordnung über die Kennzeichnung von Juden 1.9.41)

Gleichzeitig wurde ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt und sie durften keine Orden tragen; §2:

Juden ist es verboten

a) den Bereich ihrer Wohngemeinde zu verlassen, ohne eine schriftliche Erlaubnis der Ortspolizeibehörde bei sich zu führen,
b) Orden, Ehrzeichen und sonstige Abzeichen zu tragen.
Judenstern „... Was mir persönlich am Schwersten geworden, das ist das Herausgestellt-sein, jedem mitleidigen, aber auch jedem feindlichen Blick preisgegeben …!

 

"... Was mir persönlich am Schwersten geworden, das ist das Herausgestellt-sein, jedem mitleidigen, aber auch jedem feindlichen Blick preisgegeben …" (Else Kayser an Gollwitzer, 22.4.42)

Mit dieser Verordnung waren Juden für die Gestapo jederzeit kontrollierbar und erfassbar. Die Kennzeichnung der Juden im September 1941 war für einige Dahlemer ein Signal, sich noch mehr darum zu bemühen, dass die "nichtarischen" Gemeindemitglieder weiterhin zu den Fürbittgottesdiensten kamen. Der Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde sollte entgegen den Interessen der staatlichen Machthaber erhalten bleiben. Zwei Dahlemer Frauen berichten von ihren Bemühungen:

"... Jetzt zum Wichtigsten, dem gestirnten Himmel um uns … Es war eine schwere Woche, aber es ist alles mit so viel Hilfe von Gott … gegangen, daß jetzt, etwa seit Mittwoch, alle wieder da sind, fester vielleicht noch als bisher, ohne das Gefühl, bemitleidet zu werden, sondern mit dem Bewußtsein, gebraucht und nicht losgelassen zu werden ..."

(Elsie von Stryk an Gollwitzer, 26.9.41)


"... Dankbar können wir es begrüßen, daß alle unsere – neuerdings so entrechteten – Nichtarier auf Fräulein von Str(yk)'s Besuche hin weiter den Weg zur Annenkirche finden, um sich Trost und Kraft zu holen ..."

(Hedwig Grüner an Gollwitzer, 12.10.41)



Zwei weitere Briefe aus Dahlem zu diesem Thema:

"... Langsamen Schrittes, fast wie ein Blinder, ging vor zwei Tagen ein alter Mann durch die geliebten Anlagen. Seine Augen sahen und sahen zugleich nicht. Ich glaube, es war ein schwerer, schwerer Abschied. Auf der linken Brust glänzte es hell wie die gelben Tulpen und Narzissen in den Veranden.

Vielleicht sagte er sich, daß er schwerlich noch einmal in seinem Leben wird in diese paradiesische Frühlingswelt hinauskommen dürfen. Auch einige unserer Freunde rüsten sich schweren Herzens zu solchem Abschied
..."

(Hildegard Schaeder an Gollwitzer, 17.4.42)


"... Sie können sich denken, wie mich mitten in meinem Sommerurlaub die Nachricht von den neuen Maßnahmen getroffen hat. Es ist wohl das Schlimmste, was uns seit 1935 angetan worden ist. Daß es möglich ist, einem zu verbieten, Orden und Ehrzeichen, die man schließlich unter Einsatz des Lebens für das Vaterland verdient hat, zu tragen, hätte ich doch nicht für möglich gehalten.
Daß ich das Grab meiner Mutter in Stahnsdorf nur noch mit polizeilicher Genehmigung besuchen darf, weil ich Groß-Berlin nur noch mit einer solchen Genehmigung verlassen darf, möchte ich nur nebenbei erwähnen. Es ist wirklich gut, daß meine Mutter das nicht mehr erlebt hat. Und doch berührt es mich jetzt besonders stark, daß meine Auswanderungspläne nun zum zweiten Mal gescheitert sind und daß ich keinen Verwandten oder mir nahestehende Menschen habe, der das mit mir trägt, da ich wirklich ganz alleine hier zurückgeblieben bin. …
Nun sind die ersten zehn Tage, seit wir neu ausgezeichnet sind, vorüber. Ich glaube nicht, daß diejenigen, die für die Maßnahmen verantwortlich sind, einen Erfolg buchen können. Das spüren alle. Aber es ist nur der Anfang … Wird die Gemeinde dieser neuen Belastung gewachsen sein, wenn die Schwierigkeiten kommen?
..."

(Georg Hamburger, Dahlemer Gemeindemitglied, an Gollwitzer 29.9.41)



Befehl des Reichssicherheitshauptamtes vom 24.10.1941

Wie in der letzten zeit wiederholt bekannt geworden ist, unterhalten deutschblütige Personen nach wie vor freundschaftliche Beziehungen zu Juden und zeigen sich mit diesen in auffälliger Weise in der Öffentlichkeit. Da die betreffenden Deutschblütigen auch heute noch den elementarsten Grundbegriffen des Nationalsozialismus verständnislos gegenüberzustehen scheinen und ihr Verhalten als Mißachtung der staatlichen Maßnahmen anzusehen ist, werde ich bei derartigen Vorkommnissen gegen den deutschblütigen Teil aus erzieherischen Gründen staatspolizeiliche Maßnahmen ergreifen. Der jüdische Teil ist in jedem Fall in Schutzhaft zu nehmen.

Mit der Androhung von KZ-Haft vom 24.10.1941 sollte ein Keil zwischen die vereinzelt noch bestehenden Beziehungen von Nichtjuden und Juden getrieben werden. Ein reibungsloser Ablauf der Deportationen schien nur gewährleistet zu sein bei völliger Isolierung der Juden von der übrigen Bevölkerung.

Zwei Monate später, am 22. Dezember 1941, wurden die Gemeinden von der Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche angewiesen, getaufte "Nichtarier" vom kirchlichen Leben auszuschließen: Sie schrieb: "... die Kirche [könne] nicht achtlos an der unbestreitbaren Tatsache vorübergehen …, daß der Durchbruch rassischen Bewußtseins in unserem Volk die Ausscheidung der Juden aus der Gemeinschaft mit uns Deutschen bewirkt hat."

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