Tafel 30
Tafel vorlesen lassenAuf dem Weg zu "Endlösung" (Katalog 32)

In den Jahren 1939-41 lief die rassistische Politik des NS-Staates darauf hinaus, die Juden völlig von den „Ariern“ zu isolieren und ihre Arbeitskraft bei mangelnder Ernährung für die Kriegsproduktion auszubeuten.

Ein Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden von 1939 diente der Zusammenfassung der Juden in einzelnen Häusern, wodurch es die Gestapo später einfacher hatte, die Juden zu den Deportationen abzuholen.

Seit März 1941 waren alle Juden zur Zwangsarbeit, zumeist in Rüstungsbetrieben, verpflichtet. Sie bekamen dafür einen Hungerlohn; ihre Lebensmittelrationen waren sehr viel knapper als die für "Arier". Sie durften keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, außer wenn der Arbeitsplatz mehr als 7 km entfernt war. Der Besitz von Fahrrädern war ihnen untersagt.

Juden unterstanden nicht den Arbeitsschutzgesetzen. Krankheit bedeutete nach dem Oktober 1941, dass sie sofort auf die Deportationslisten kamen.

Juden war es verboten:

Grünanlagen zu benutzen
Gaststätten zu besuchen
Zeitungen und Zeitschriften zu beziehen
Radios zu besitzen
in öffentlichen Verkehrsmitteln zu sitzen
und vieles mehr.

Juden erhielten unter anderem:

keine Fischwaren
keine Fleischkarten
keine Milch
kein Obst.

Unter diesen Maßnahmen hatten auch Dahlemer Gemeindeglieder zu leiden. Zwei von ihnen berichten ihrem Pfarrer davon:

" … Seit dem 10.7. [1941] habe ich nun, wie viele andere auch, eine Arbeit bekommen. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht eher schrieb, denn der Sonntag ist der einzige Tag, wo ich richtig Ruhe habe … Die Arbeit macht mir Freude, da es immerhin so ist, dass ich sie leisten kann … Ich gehe jeden Tag um ¼ 7 aus dem Haus und habe es bis auf einen Tag immer geschafft, noch in Ruhe die Tageslese und die Losung vorzunehmen …"

(Johanna Sachs am 24.8.1941)

" … Ich selbst gehe nun schon den 11. Monat in die Fabrik, d.h. ich stehe um ¾ 5 auf und bin dann abends um ½ 7 zu Haus, habe da 2 mehr oder weniger wache Stunden für mich und gehe dann schlafen. Abgesehen von der so langen Dienstzeit und Wegstrecke habe ich aber wirklich keinen Grund zum Klagen, in einem kaufmännischen Beruf wäre ich natürlich lieber tätig. Aber wie viele sind überhaupt noch in ihrem Beruf tätig. Es ist eben Krieg …"

(Dr. Steinfeld im Februar 1942)

Hildegard Schraeder (1902-1986)

Hildegard Schaeder (1902-1986)

In der Dahlemer Gemeinde entstanden Initiativen, den jüdischen Nachbarn zu helfen. So regte Hildegard Schaeder schon 1938 die besondere Betreuung jüdischer Menschen durch die Gemeinde an. Sie hielt in den folgenden Jahren zusammen mit anderen Gemeindegliedern Kontakt zu Juden, um sie zu unterstützen: durch Besuche, Versorgung mit Lebensmitteln und Geld, Suche nach Auswanderungsmöglichkeiten. 1943 wurde sie deswegen verhaftet und war bis 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück.

1.12.38

Lieber Herr Pastor,

im Gespräch mit einer alleinstehenden Jüdin wurde ich darauf aufmerksam, wie unangenehm besonders für alleinstehende Frauen der befohlene Aufenthalt am Sonnabend von 12-20 h allein in ihrer Wohnung ist. Besonders in Gedanken an private unlautere Elemente, die dann Einlass fordern könnten. Juden können sie ja nicht zu Gast bitten. Es wäre also Besuch von unsereinem sehr erwünscht, und zwar käme bei alleinstehenden Frauen der Besuch von Frauen oder Ehepaaren, nicht Männern allein in Frage.
Ich glaube, man sollte, wen man noch schnell erreichen kann, darauf aufmerksam machen, sich der ihnen bekannten Menschen anzunehmen. Vielleicht geben sie es auch noch weiter? Ich werde auch Freitagabend die Kindergottesdiensthelfer darauf aufmerksam machen. Wir wollen damit natürlich nicht Panik schaffen, sondern nach Möglichkeit vermeiden …

Herzlich Ihre Hildegard Schaeder

Parkbank "nur für Arier" Bild aus einem antisemitischen Kinderbuch

Parkbank "nur für Arier"

Bild aus einem antisemitischen Kinderbuch

Gesetze, Verordnungen und Maßnahmen gegen jüdische Bürger 1938 – 1941

Juni 1938

"Assozialen-Aktion": Verhaftung aller "vorbestraften" Juden, einschließlich solcher, die wegen Verkehrsvergehen unter anderem mit Polizeistrafen belegt worden waren.

23. Juli 1938

Einführung der Kennkarte für Juden (ab Januar 1939).

25. Juli 1938

Approbationen jüdischer Ärzte erlöschen am 30. September 1938.

17. August 1938

Einführung der Vornamen Israel bzw. Sarah für alle Juden.

27. September 1938

Jüdische Rechtsanwälte müssen ab 30. November 1938 ihre Praxis einstellen.

5. Oktober 1938

Reisepässe von Juden werden mit "J" gekennzeichnet.

9. - 11. November

"Reichskristallnacht"

12. November 1938

Den Juden in Deutschland wird eine "Sühneleistung" in Höhe von einer Milliarde Rechsmark auferlegt. Außerdem müssen sie in der Nacht vom 9./10. November von der SA angerichtete Schäden selbst bezahlen.

15. November 1938

Kein Jude darf nichtjüdische Schulen besuchen.

26. November 1938

Einführung von Wohnbeschränkungen für Juden.

3. Dezember 1938

Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens (Zwangsveräußerung jüdischer Gewerbebetriebe und anderer jüdischer Vermögen).

17. Januar 1939

Mieterschutz für Juden wird aufgehoben. Nach der Arisierung der Betriebe, Geschäfte, der Landwirtschaft und der Forsten soll die des Hausbesitzes folgen.

24. Januar 1939

Hitler beauftragt den SS-Gruppenführer Heydrich, "die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitläufen entsprechenden, möglichst günstigen Lösung zuzuführen."

30. Januar 1939

Vor dem Reichstag sagt Hitler "die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" für den Kriegsfall voraus.

1. September 1939

Juden müssen ab 20 Uhr (Sommer 21 Uhr) zu Hause sein.

23. September 1939

Juden müssen am Tag der Verordnung (Versöhnungstag) ihre Rundfunkgeräte abliefern.

6. Februar 1940

Juden erhalten grundsätzlich keine Kleiderkarte.

11./12. Februar 1940

Deportation der Juden aus den Regierungsbezirken Stettin, Stralsund und Schneidemühl in den Bezirk von Lublin.

4. Juli 1940

7450 Juden aus Baden, Pfalz und dem Saargebiet werden im Rahmen der "Aktion Bürckel" nach Gurs, Revesaltes und Les Milles (Südfrankreich) deportiert. (Überlebende von dort nach Auschwitz November 1942)

7. März 1941

Einsatz der Juden zur Zwangsarbeit.

31. Juli 1941

Göring beauftragt Heydrich, alle erforderlichen Vorbereitungen für eine "Gesamtlösung der Judenfrage" zu treffen.

 
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