Tafel 28
Tafel vorlesen lassenDie Bekenntnisgemeinde in Schwierigkeiten - der Streit um die Namen (Katalog 30)

Die Bekenntnisgemeinde stand in den Kriegsjahren nach Gollwitzers Ausweisung und Einberufung vor vielen Schwierigkeiten:

  • Es wurde immer schwieriger, Prediger für die täglichen Fürbittgottesdienste und Morgenwachen zu bekommen. Vielfach übernahmen Gemeindeglieder diese Aufgabe.
  • Mit der Kirchengemeinde und ihren Pfarrern gab es zunehmend Auseinandersetzungen um die Nutzung der Gemeinderäume und um die Existenz der Bekenntnisgemeinde neben bzw. in der Kirchengemeinde Dahlem.
  • Innerhalb der Bekenntnisgemeinde tauchte die Frage auf, wie angesichts der ungeheuren Belastungen durch das Kriegsgeschehen (Bombenalarm, Schlangestehen für Lebensmittel, Sorge um die Angehörigen usw.) das bisherige vielfältige Gemeindeleben aufrechterhalten werden könne: tägliche Morgenwachen und Fürbittgottesdienste, Hausbibelkreise, Arbeitskreise, Betreuung von „Nichtariern“ und vieles mehr.
  • Die staatliche Kirchenbehörde verbot 1942 die Verlesung der Fürbittlisten mit den Namen der Verhafteten.

In vielen Briefen an Helmut Gollwitzer schildern Gemeindeglieder die Sorgen und Probleme der Bekenntnisgemeinde:

" … Seit einige Zeit übernahm ich den Donnerstag fest für die Morgenwache, und ich muss sagen, dass trotz allen Zagens und kümmerlichen Stammelns mir nichts solche Freude macht als diese Arbeit, denn die Texte beschäftigen mich tagelang und sogar im Schlaf vorher, und ich merke, wie selten man bei gewöhnlichem Bibellesen den Sinn wirklich ganz in sich aufnimmt; manches geht einem ja erst nach 10 und 20 maligem Lesen auf! …"

(Ottonie Blanck, 14.4.42)

" … wir dürfen ja auch nicht befürchten, dass die Abendandachten irgendwie eintönig werden könnten. Gerade dadurch, dass die Verkündigung an jedem Abend durch einen anderen geschieht, ist sie außerordentlich vielgestaltig und bleibt immer anregend, wenn man nicht gerade selbst vor Übermüdung nicht mehr ganz aufnahmefähig ist, was einem heute natürlich auch leicht passieren kann … "

(Hermine Hermes, 14.8.42)

" … Die Morgenwachen sind auch während der Ferien durchgehalten worden … Dafür kommt es vor, dass öfters der Organist fehlt und auch der Pfarrer nicht kommt. So erst vor einer Woche P. Dr. Wiese. Niemand war in der Kirche, der eine Andacht hätte halten können, Ich wollte die Gemeinde nicht leer gehen lassen und stimmte ,Befiehl du deine Wege‘ an, lies drei Verse singen und las dann den mir so lieben 42. Psalm. Dann gemeinsames Vaterunser und letzter Vers: ,Mach‘ End, oh Herr, mach Ende‘. Dass ich das überstand, erscheint mir jetzt noch wunderbar …"

(Hedwig Grüner, 7.9.41)

" … Die Bittgottesdienste sind aber auch der Ausdruck unseres gemeinsamen Anliegens, darum halte ich sie für das wichtigste Unternehmen … unserer religiösen Betätigung, ganz abgesehen von dem Segen, der gerade von ihnen auf die ausgeht, die nur im Geiste mit uns vereint sein können."

(Toni Saring, 16.12.42)

Das Verbot der Namensnennung: Die staatliche Kirchenverwaltung ordnete am 27. Juni 1942 an, dass die Dahlemer Gemeinde ihre Räume nicht mehr der Bekenntnisgemeinde zur Verfügung stelle dürfe, wenn diese weiterhin für verhaftete Pfarrer beten sollte.

Brief der Finanzabteilung beim Evangelischen Oberkirchenrat

Brief der Finanzabteilung beim Evangelischen Oberkirchenrat

In der Bekenntnisgemeinde entstand daraufhin eine heftige Auseinandersetzung darüber, ob Fürbittgottesdienste ohne Namensnennung noch ihren Sinn erfüllen könnten.
Die Dahlemer Bekenntnisgemeinde entschied sich für die Beibehaltung der öffentlichen Fürbittgottesdienste ohne direkte Nennung der Namen. Sie wollte den Rückzug in abgeschlossene, private Kreise vermeiden. Gollwitzer wurde auch in dieser Sache um Rat gefragt. Er wollte aber nicht aus der Ferne in die Entscheidung eingreifen. Erst nach dem Entschluss der Gemeinde schrieb er im November 1942 aus Frankreich:

Aus einem Brief Gollwitzers an die Gemeinde vom November 1942 aus Frankreich

"Es kommt darauf an, dass in eure Fürbitte weiterhin all das geschieht, was in der Namensnennung sich ausdrückte: die Verbundenheit mit dem Leiden der Brüder, das Bekenntnis zu ihrem Leiden gegenüber der Welt, das dringliche Anflehen der Hilfe Gottes. Es darf nicht so sein, dass die Namen und die Einzelheiten ihres Schicksals euch nun unbekannt bleiben! Ihr müsst Mittel und Wege finden, sie zu erfahren, um im Stillen für sie namentlich und einzeln zu beten, wenn ihr es laut nicht mehr dürft. Es muss nicht so sein, dass die Namen allmählich in Vergessenheit geraten; viele Möglichkeiten gibt es noch, sich gegenseitig an sie zu erinnern, dass sie dann im Gebet gegenwärtig sind. Es muss nicht so sein, dass der Fernstehende, wenn er in unsere Gottesdienste kommt, nun ohne Kunde von der wahren Lage der Kirche bleibt; was durch die Namensnennung geschah,  das muss nun umso mehr durch die deutliche, konkrete Predigt besorgt werden. Sehr wesentlich sind die Namen - und doch hängt nichts an ihrer Nennung. Auch ohne sie kann euer Gottesdienst und eure Fürbitte unverändert kräftiges, deutliches und wirksames Zeugnis sein. Es kommt auf euch selbst an! …"

Aus dem Brief Gollwitzers an die Gemeinde vom November 1942 aus Frankreich.

Obwohl die Namen der Verhafteten nach 1942 nicht mehr im Gottesdienst öffentlich verlesen werden durften, wurde in den Fürbittgottesdiensten für die Verhafteten gebetet. Die Gottesdienstbesucher erfuhren die Namen durch handgeschriebene Zettel, die während des Gottesdienstes durch die Reihen gegeben wurden.

Fürbitte aus dem Jahr 1944

Fürbitte aus dem Jahr 1944

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