Tafel 25
Tafel vorlesen lassenEmigration jüdischer Gemeindeglieder (Katalog 27)

Reisepass eines Juden mit eingestempeltem J

Auch Dahlemer Gemeindemitglieder, die als Juden galten, verließen in dieser Zeit ihre Heimat. Dabei hatten sie große Schwierigkeiten, ein Land zu finden, in dem sie aufgenommen wurden. Die Schweiz zum Beispiel verweigerte Juden aus Deutschland die Einreise und hatte von der Deutschen Regierung verlangt, dass alle Reisepässe von Juden mit einem "J" gestempelt würden, damit Juden an der Grenze gleich zurückgewiesen werden konnten. Andere Länder setzten Einreisekontingente fest und verlangten den Nachweis, dass die Flüchtlinge finanziell versorgt waren und nicht dem Staat zur Last fallen würden. Aus Deutschland durften sie aber kein Geld und keine Wertsachen mitnehmen. Oft waren es Christen in anderen Ländern, die sich dafür einsetzten, dass Juden aus Deutschland eine Einreiseerlaubnis erhielten und die eine Bürgschaft für einzelne Flüchtlinge übernahmen.
Helmut Gollwitzer hat Briefe in alle Welt geschickt, um für seine verfolgten Gemeindemitglieder Einreisemöglichkeiten zu finden. In manchen Fällen hatte er Erfolg, in vielen aber nicht.

Reisepass eines Juden mit eingestempeltem "J"

 
Brief des Diplomaten Hamel in Bern an Gollwitzer. Er kann für die Einreise der Familie Lutz in der Schweiz nichts unternehmen.
Brief des Diplomaten Hamel in Bern an Gollwitzer. Er kann für die Einreise der Familie Lutz in der Schweiz nichts unternehmen. (2)

Brief des Diplomaten Hamel in Bern an Gollwitzer. Er kann für die Einreise der Familie Lutz in der Schweiz nichts unternehmen.

Aus der Dahlemer Gemeinde sind über 50 Gemeindemitglieder ausgereist. Der Erste war Franz Hildebradt, Dietrich Bonhoeffers Freund, der schon 1937 in England unterkommen konnte. 1938/39 konnte eine Reihe von Kindern und Jugendlichen ohne ihre Eltern nach England kommen: Wolfgang Krimke, Leonore Schwalbe, Kläre, Ulla und Rudolf Freund, Barbara Loewenberg, Heinz Pollack, Ilse und Erika Friedeberg. Außerdem emigrierten auch Familie Lutz, Alice und Gerda Goldstaub, Käthe, Helmut und Eva Kobrak, Hans Werner Café, Fritz, Ernst und Cläre Schöngut, Renate Bergius. Nach Argentinien ging 1938 Familie Proske, in die Schweiz 1939 Familie Freudenberg, in die USA gingen 1941 die Eltern Freund, die später ihre Kinder aus England nachholen konnten. Für die war die Emigration ihrer jüdischen Gemeindemitglieder ein großer Verlust – wenn es natürlich auch immer Erleichterung auslöste, wenn wieder jemand eine Einreiseerlaubnis erhalten hatte und so der drohenden Vernichtung entgehen konnte. Der Abschied der Emigranten wurde von der Gemeinde immer besonders im Gottesdienst gefeiert. Oft waren es Konfirmanden, die dann auch vor ihrer Abreise noch konfirmiert wurden. In anderen Fällen feierte die Gemeinde mit den Emigranten noch einmal das Abendmahl im Fürbittgottesdienst, um so die bleibende Verbundenheit zu dokumentieren.
Helmut Gollwitzer hat die Flucht und Vertreibung seiner Gemeindemitglieder in seinen Predigten als "Sendung" interpretiert, zum Beispiel anhand des Satzes aus der Apostelgeschichte über die verfolgten und zerstreuten ersten Christen: "Die nun zerstreut waren, gingen um und predigten das Wort" (Apostelgeschichte 8,4).

Brief von Pator Pakenham, England, an Helmut Gollwitzer mit der Nachricht, dass Familie Krimke nach England einreisen darf.

Brief von Pastor Pakenham, England, an Helmut Gollwitzer mit der Nachricht, dass Familie Krimke nach England einreisen darf.

Kingley, Hurtis Hill, Crowborough, Sussex
Tel.: 593
16. Dezember 1938

"Lieber Pastor Gollwitzer! Ich habe Ihnen zu danken für ihren sehr freundlichen Brief an mich vom 2. Dezember, und meine Frau und ich verstanden durchaus, daß die Angelegenheit von Herrn und Frau Krimke dringlich ist. Die Verzögerung hier lag am Home Office – sie sind dort völlig überarbeitet mit der Anzahl von Menschen, die sich aus fremden Ländern um eine Einreise nach England bemühen, - viele tausend jede Woche. Jeder Fall wird eingehend geprüft, und viele werden abschlägig beschieden. Sie werden sicherlich verstehen, daß das Gesetz es nicht zuläßt, daß, obwohl es hier sehr viele unbeschäftigte Menschen gibt, Fremde einwandern und die Posten besetzen, die einige von unseren Arbeitslosen ausfüllen könnten. Auch dürfen sie nicht der Staatskasse zur Last fallen, - deshalb muß jeweils eine verantwortliche Person für sämtliche Ausgaben aufkommen. Wenn sie dann nach ungefähr einem halben Jahr keine Stelle oder Arbeit haben, müssen sie auswandern.
All diese eingehenden amtlichen Überprüfungen bringen viel Verzögerung. Aber jetzt erwarten wir Herrn und Frau Krimke in ein paar Tagen in England, sie haben ihre Visa, und ich glaube, sie haben auch ihre deutschen Pässe. Es wird nicht lange dauern, wenn sie sich ausgeruht und ihre Kräfte wiedergewonnen haben, daß sie eine Arbeitsstelle bekommen, - das wird das Wichtigste sein. Ich bin ganz sicher, daß sie sich gut machen werden, und das Leben von Gott wird noch einmal glücklich sein und liebevoll. Wolfgang geht es sehr gut, und er wird morgen für die Feiertage hier zuhause sein. Wie schön, wieder beisammen zu sein. Wir freuen uns darauf, sie zu sehen.
Nochmals herzlichen Dank.
Ich bin, lieber Pastor, in Verbundenheit
Ihr Hamilton R. Pakenham".

Es war auch wirklich so, dass Dahlemer Gemeindemitglieder in ihren Gastländern als "Botschafter der Bekennenden Kirche" wirkten und dortige Christen von ihren Erfahrungen berichten konnten.

Postkarten von Dahlemer Emigranten aus England an Helmut Gollwitzer:

Postkarte von Barbara [Loewenberg]

3 Bowes Way
Harpenden (Herts)

"Lieber Herr Pastor!
Sie sollen nun wissen, daß ich die Reise überstanden habe und nun englische Lust atme. Ich denke viel an alles, was sie mir neulich sagten. Ich bin Ihnen wirklich von Herzen dankbar für dieses letzte Zusammensein. Durch das 'rote Meer', d.h. den 'Kanal' bin ich ja hindurch. Ob es nun gehen wird? Ich höre Sie schon sagen 'Es wird gehen, Kopf hoch und Mut! Barbara. ER wird’s wohlmachen!' Hätte ich diese Gewissheit noch fester!
Die letzten beiden Tage daheim waren schön. Aber Abschiednehmen lernt sich nicht, weder von den Eltern, noch von Peter Christian, noch – von Ihnen. Wie sehr danke ich Ihnen für den Abschiedsspruch, Jes. 35,10. Denken Sie an meine Mutter? Ich weiß, daß Sie es tun werden, wenn es Ihnen irgend möglich ist. Von Zeit zu Zeit werde ich Sie erinnern, daß Sie mir ein Bild versprachen. Und wenn Sie mir mal schreiben, werde ich mich so freuen.
In Dankbarkeit Ihre Barbara [Loewenberg]".

Postkarte von Alice [Goldstaub]

Beaconfield, 28.6.39

"Sehr verehrter, lieber Herr Pfarrer Gollwitzer, Heute will ich Ihnen nur einen kurzen Gruß auf dieser Karte schicken. Schön ist diese Kirche, in der ich am Sonntag früh um 8 Uhr (das erste Mal hier) zum Abendmahl war. Mir war sehr bange, wie es wohl sein wird; aber ich bin ja so dankbar und froh heimgegangen. Es war sehr, sehr schön, feierlich und so still, und ganz ähnlich doch auch wieder wie im alten Zuhause. Es tut so gut, daß man hier beim Beten kniet, es ist dadurch leichter, sich zu konzentrieren, und tut wohl, die Stille, rundum kniende Menschen. Hier fühle ich erst, was ich alles im letzten Jahr gehört und gelernt habe und bin Ihnen noch viel, viel dankbarer. Ihre Grüße wurden mir ausgerichtet durch Käthe, der Sie auch fehlen dürften.
Aus weiter Ferne Ihnen in Treue und Glauben verbunden Ihre Alice [Goldstaub]".

Postkarte von Ilse Freideberg

Marden House
East Harting
Petersfield
24.8.39

"Lieber Herr Pfarrer,
Auf Ihren Brief, für den ich so dankbar war, sollten Sie wenigstens noch diesen Gruß als Antwort haben, bevor es zu spät ist. Was Sie über das Leiden zum Preise Gottes sagen, wird mich jetzt begleiten. Sie sollen wissen, wie stark unsere Gedanken und unser Gebet in diesen tagen zu Euch kommen. Es ist ein Trost zu wissen, daß diese Gemeinde bleibt und nur immer lebendiger wird, und daß die Fürbitte der Gemeinde auf der ganzen Welt in diesen Tagen stärker ist denn je. „Gott kann“, daran halten wir uns noch. Unsere Mutter ist noch in Berlin. Wir wissen, daß Ihr sie nicht alleine laßt. Wenn es dazu kommen sollte, daß wir nichts mehr voneinander hören können, so soll die Gemeinschaft mit Euch nur immer fester werden.
In dieser Verbundenheit grüße ich Sie und...

Postkarte von Erika Friedeberg

...alle Freunde mit dem Wort, das Sie uns Gründonnerstag zum Abschied mitgegeben haben: Psalm 30,6.
Ihre Ilse Friedeberg"
.

"Lieber Herr Pfarrer,
haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Wir fühlen in diesen Tagen, daß uns die Verbindung zu Ihnen allen nicht genommen werden kann. Wir alle wissen, daß wir in den größten Sorgen getröstet sein dürfen. Ich kann heute nur Ihnen und der Gemeinde von Herzen Dank sagen für einen großen Reichtum.
In stetem Gedenken Ihre Erika Friedeberg
".

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