Tafel 24
Tafel vorlesen lassenDer Pogrom: 9. November 1938 (Katalog 27)

Am 9./10. November 1938 wurden überall in Deutschland von SA-Trupps Synagogen angezündet, jüdische Geschäfte zerstört und Tausende von Juden verhaftet. Die Plünderungen der "Reichspogromnacht" sollten den Juden klarmachen, dass sie aus Deutschland zu verschwinden hätten. Mit den danach erlassenen Gesetzen zur Enteignung und weiteren Entrechtung sollte ihnen jede Lebensmöglichkeit in Deutschland entzogen werden.

Die Synagoge an der Fasanenstraße nach ihrer Zerstörung im November 1938. Oranienburg am 10.11.1938: Deportation Berliner Juden in das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Die Synagoge an der Fasanenstraße nach ihrer Zerstörung im November 1938.

Oranienburg am 10.11.1938: Deportation Berliner Juden in das Konzentrationslager Sachsenhausen.

Die Vollzugsmeldung

SS-Führer Heydrich meldet an Reichsmarschall Göring am 11.11.1938:

"... Der Umfang der Zerstörung jüdischer Geschäfte läßt sich ziffermäßig noch nicht belegen … An Synagogen wurden 192 in Brand gesteckt, weitere 76 vollständig demoliert. Ferner wurden 11 Gemeindehäuser in Brand gesteckt und weitere drei völlig zerstört ... Festgenommen wurden rund 20 000 Juden. An Todesfällen wurden 36, an schwerverletzten ebenfalls 36 gemeldet. Die Getöteten bzw. Verletzten sind Juden."

Helmut Gollwitzer predigte am Bußtag nach der Pogromnacht, am 16.11.1938, über die Bußpredigt des Johannes, Luk. 3, 3 – 14: Gerade der christlichen Gemeinde, die mitschuldig ist an dem Unrecht, das den Juden eine Woche zuvor angetan wurde, ist diese Bußpredigt gesagt. Sie soll sich ja nichts einbilden auf ihren frommen Lebenswandel. Die Christen vor allem müssen jetzt umkehren zum Tun der Gerechtigkeit. "Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat, und wer Speise hat, tue ebenso". Gollwitzer war einer der ganz wenigen evangelischen Prediger, die sich trauten, ihre Gemeinde auf das in der Pogromnacht geschehene Unrecht hinzuweisen.

Zerstörte jüdische Geschäfte.

Zerstörte jüdische Geschäfte.

16.11.1938

Aus Helmut Gollwitzers Bußtagspredigt in der Annen-Kirche

"... Es wäre vielleicht das Richtigste,
wir würden nicht singen,
nicht beten,
nicht reden,
nur uns schweigend darauf vorbereiten,
daß wir dann,
wenn die Strafen Gottes offenbar
und sichtbar werden,
nicht schreiend und hadernd herumlaufen:
wie kann Gott so etwas zulassen?

Wir sind mitverhaftet in die große Schuld,
daß wir schamrot werden müssen,
wie biedere Menschen sich auf einmal
in grausame Bestien verwandeln.
Wir sind alle daran beteiligt,
der eine durch Feigheit,
der andere durch Bequemlichkeit,
die allem aus dem Wege geht,
durch das Vorübergehen,
das Schweigen,
das Augenzumachen,
durch die Trägheit des Herzens,
durch die verfluchte Vorsicht.

Was sollen wir tun?
Tue deinen Mund auf
für die Stummen,
und für die Sache aller!
Gott will Taten sehen,
gute Werke gerade von denen,
die mit Christi Hilfe entronnen sind.

Draußen wartet unser Nächster
notleidend,
schutzlos,
ehrlos,
hungernd
gejagt und umgetrieben
von der Angst um seine nackte Existenz,
er wartet darauf,
ob heute die christliche Gemeinde
wirklich einen Bußtag begangen hat.
Jesus Christus wartet darauf..."

Elisabeth Schmitz, eine Berliner Lehrerin, beobachtete seit 1933 aufmerksam die NS-Judenpolitik und schloss daraus, dass das letzte Ziel der Nationalsozialisten die endgültige Vernichtung der Juden sei. Sie fragte in einem Brief an Helmut Gollwitzer nach seiner Bußpredigt 1938: Wann endlich tritt die Bekennende Kirche öffentlich für die Juden ein? Wann wird in den Gottesdiensten wenigstens für die verfolgten Juden gebetet und nicht nur für die verhafteten Christen?

Brief der Berliner Lehrerin Elisabeth Schmitz an Helmut Gollwitzer nach seiner Bußpredigt 1938.

Brief der Berliner Lehrerin Elisabeth Schmitz an Helmut Gollwitzer nach seiner Bußpredigt 1938.

Brief der Berliner Lehrerin Elisabeth Schmitz an Helmut Gollwitzer nach seiner Bußpredigt 1938.

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