Tafel 20
Tafel vorlesen lassenNiemöller wird verhaftet (Katalog 23)

Seit dem Jahre 1935 wurden zunehmend Pfarrer und Mitarbeiter der Bekennenden Kirche durch Verhaftungen, Ausweisungen und Redeverbote unter Druck gesetzt. Mit der Verhaftung Martin Niemöllers am 1. Juli 1937 sollte der Bekennenden Kirche der vermeintliche Führer geraubt werden. Vor der Öffentlichkeit des In- und Auslandes sollte Niemöller als Staatsfeind verurteilt werden, der die Kanzel zu politischer Hetze missbraucht und Anordnungen der kirchlichen Autoritäten missachtet habe. Dadurch erhoffte man sich eine Kriminalisierung der ganzen Bekennenden Kirche. Statt dessen löste seine Verhaftung eine Welle der Solidarität inner- und außerhalb Deutschlands aus:

  • Tausende von Postkarten mit dem Foto Niemöllers und einem Zitat von ihm wurden gedruckt und verschickt.
  • Seine eigene Gemeinde in Dahlem versammelte sich vom 4. Juli 1937 an jeden Abend um 18 Uhr in der Annen-Kirche zu einem Fürbittgottesdienst für alle Gefangenen und gedachte ihrer namentlich im Gebet.
  • Am Sonntag nach Niemöllers Verhaftung wurde in den drei Dahlemer Gottesdiensten eine Unterschriftensammlung für eine Eingabe an den Reichsjustizminister Gürtner durchgeführt, mit der Erklärung, Niemöller habe die Kanzel nie politisch missbraucht.
  • Für den Sonntagnachmittag des 8. August 1937 war ein großer Fürbittgottesdienst in der Jesus-Christus-Kirche angesetzt worden. Er wurde verboten. Trotzdem standen am Sonntagnachmittag über tausend Gottesdienstbesucher vor verschlossener Kirchentür.
  • Mitglieder der Bekennenden Kirche aus ganz Deutschland schrieben an sämtliche Regierungsstellen und baten um Niemöllers Freilassung.
  • Niemöller selbst bekam Waschkörbe voller Briefe ins Untersuchungsgefängnis nach Moabit.

Sieben Monate später, am 7. Februar 1938, begann der Prozess gegen Martin Niemöller vor dem Sondergericht Berlin-Moabit. Gleich am ersten Tage wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen, um nur amtliche Berichte an die Presse gelangen zu lassen.

Karte von Martin Niemöller Das Gefängnis in Berlin-Moabit, in dem Niemöller seinen Prozess erwartete. (Foto: Landesbildstelle Berlin)

Wir haben nicht zu fragen, wieviel wir uns zutrauen; sondern wir werden gefragt, ob wir Gottes Wort zutrauen, daß es Gottes Wort ist und uns tut, was es sagt!
Martin Niemöller

Das Gefängnis in Berlin-Moabit, in dem Niemöller seinen Prozess erwartete. (Foto: Landesbildstelle Berlin)

Eine Dahlemer Jugendliche beschreibt in einem Brief an ihren Vater, wie sie die "Demonstration" am 8. August 1937 erlebte

"Es sollte ein großer Fürbittengottesdienst mit 400 Pastoren werden, aber die Geheime Staatspolizei hatte ihn verboten. Da das Verbot so spät kam, erfuhren nur wenige Menschen von der Absage.

Sonntag, den 8.8., um ½ 6 Uhr
Wir gehen zur Jesus-Christus-Kirche. Sämtliche Wege zur Kirche sind abgesperrt. Wir werden mit einem großen Zug Menschen von Schutzmännern weiter gedrängt. Hier und da sind in Grüppchen und einzeln Pastoren mit und ohne Talar zu sehen. Um [je] einen sammelt man sich, er spricht den Segen und wird sofort verhaftet. E. und sein Freund, der Sohn von Pastor Jannasch, stimmen Lieder an. Jannasch wird verhaftet. So drängt der Zug weiter, zwischendurch werden Einzelne herausgegriffen und verhaftet. Es geht in Richtung St. Annen-Kirche, um dort den Bittgottesdienst zu halten. Es werden mehr und mehr Leute, jetzt sind es schon mehrere Hundert. Da fahren zwei Polizeiautos an uns vorbei. Ein heftiges Winken beginnt. In jedem der Autos sitzen sechs eben verhaftete Pastoren und fahren zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Alle sind im Talar.

Endlich sind wir bei der Sankt Annen-Kirche. Sie ist von Polizisten versperrt, ebenfalls der Friedhof und das Gemeindehaus. Da füllt sich die Straße und der Platz zwischen Kirche und Gemeindehaus. Da stimmt einer an und tausende von Bekennern singen das Lied: "Eine feste Burg ist unser Gott". Die Polizei ist außer sich. Das Überfallkommando kommt und ein Haufen von Menschen, welche sich gerade an der Kirchhofmauer befinden, werden umringt und sind sämtlichst verhaftet. Als das Lied aus ist, stimmt E. mit einigen anderen, welche auf dem Platz stehen, "Erhalt uns Herr bei deinem Wort" an. Er und die anderen werden als Verhaftete erklärt. Dennoch wird das Lied bis zu Ende gesungen, dann das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser gesprochen. Nun kommen große Lastautos und alle Verhafteten werden zum Polizeirevier und dann zum Alexanderplatz gebracht, wo sie verhört werden. Die anderen Leute sind zur Matthäuskirche gegangen, wo ruhig und schön eine Andacht ohne Pastor gehalten worden ist.

Ein Teil der Verhafteten ist bald wieder entlassen worden. E. kam in der Nach um ½ 2 nach Hause, und mehrere sind noch heute, am 10.8., gefangen."

Briefe aus der Gefangenschaft Rechtsanwalt Willi Hahn war Mitglied der Bekennenden Kirche und vertrat sie in vielen Prozessen.

 

Rechtsanwalt Willi Hahn war Mitglied der Bekennenden Kirche und vertrat sie in vielen Prozessen.

Anklagepunkte

  1. Kanzelmissbrauch
    Nach einem Gesetz aus Bismarcks Zeiten durften Pfarrer nicht zu politischen Themen Stellung nehmen.
  2. Vergehen gegen das Heimtückegesetz
    Niemöller hatte den Reichskirchenminister Kerrl als einen "Minister gegen kirchliche Angelegenheiten" bezeichnet und die staatlich gesteuerten Kirchenbehörden als "Firma Joseph Goebbels"
  3. Aufforderung zum Ungehorsam gegen staatliche Anordnungen
    Niemöller hatte die BK-Pfarrer aufgefordert, trotz staatlichen Verbots die Kirchenaustritte im Gottesdienst bekanntzugeben.

Verteidigung

Niemöllers Verteidiger waren die Mitglieder der Bekennenden Kirche: Rechtsanwalt Willi Hahn, Horst Holstein und Hans Koch. Die Entlastungszeugen stellten Niemöller als einen allein am Bekenntnis orientierten Pfarrer dar, dem Kritik am Staat völlig fern läge.

Dafür wurden angeführt:

seine nationale Gesinnung;
seine tadellose Tätigkeit als U-Boot-Kommandant;
seine Ablehnung der Weimarer Republik;
seine Verantwortung für Volk und Vaterland.

Niemöller selbst betonte, dass er seit 1924 immer die NSDAP gewählt habe, aber nicht in die Partei eingetreten sei, weil er als Pfarrer unabhängig sein sollte.

Das Urteil

Am 2. März 1938 wird das Urteil verkündet; es fällt erstaunlich milde aus:

7 Monate Festungshaft
2000 RM Geldstrafe.

Die Festungshaft wird durch die Untersuchungshaft als verbüßt angesehen, so dass Niemöller vom Gericht am 2. März 1938 auf freien Fuß gesetzt wird. Aber …

Postkarte von Martin Niemöller an seinen Rechtsanwalt Willi Hahn aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit kurz vor Prozessbeginn.

Moabit, 10.2.38

Hochverehrter, lieber Herr Justizrat! Für alles, was sie mir in diesen langen Monaten und in den letzten schweren Tagen gewesen sind, möchte ich Ihnen herzlich danken. An die Seite meiner Haft, auf der es um unsre gemeinsame Arbeit und Verantwortung ging, werde ich immer mit Freude und mit Dank gegen Gott zurückdenken. Da war ja auch ein Stück werdende christliche Kirche; und das wird als nicht-vergänglicher Ertrag auch bleiben, wenn sich die Wellen verlaufen haben! – Mir geht es ebenso gut wie vorher; auch der Appetit ist wieder ganz in Ordnung; Sie brauchen also nicht an einen armen gebrochenen Mann denken, obgleich ich ja den "funkelnden Geisteskampf" gern geführt hätte. Aber ich bin auch bereit, der Herrlichkeit Gottes "hinten nach zu sehen" wie Mose. 2. Mose 33, 17-23.

In dankbarer Verehrung Ihr Martin Niemöller

Absender: Niemöller D.D. Nr. 1325
Berlin-Moabit Untersuchungsgefängnis

Postkarte von Martin Niemöller an seinen Rechtsanwalt Willi Hahn aus dem Untersuchungsgefängnis Moabit
kurz vor Prozessbeginn:

 

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