Tafel 19
Tafel vorlesen lassenKarl Barth: Die Schweizer Stimme (Katalog 22)

Die Entstehung der Bekennenden Kirche und besonders ihre theologische Ausrichtung wären ohne Barths Einfluss kaum denkbar. Gleichzeitig war Barth wie auch Dietrich Bonhoeffer ein sehr kritischer Weggenosse der Bekennenden Kirche. Er hat sie in den ermüdenden Auseinandersetzungen darüber, ob die Kirche nicht doch Frieden schließen könne mit dem Hitlerstaat, immer wieder auf ihren Ursprung und ihr Bekenntnis verwiesen und sie von dort her zu kompromisslosem Handeln aufgefordert. In diesen Auseinandersetzungen stärkte er den radikalen "dahlemitischen" Flügel der Bekennenden Kirche. In der Dahlemer Gemeinde lebten und arbeiteten Schüler und Weggefährten Barths: Helmut Gollwitzer, Gertrud Staewen, Hildegard Schaeder, Hellmut Traub.

Karl Barth in seinem Arbeitszimmer

Karl Barth in seinem Arbeitszimmer

Karl Barths Lebenslauf

1886

Karl Barth wird am 10 Mai in Basel geboren

1904 -1909

Theologiestudium in Bern, Berlin, Tübingen und Marburg

1911-1921

Pfarrer in Safenwil im Aargau; während dieser Zeit versuchte Barth vor allem, Textilarbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisieren und erhält darüber Kontakt mit der Schweizer Sozialdemokratischen Partei (ab 1915 Mitglied).

1921 – 1935

Theologieprofessor an deutschen Hochschulen (Göttingen, Münster, Bonn)

1932

Eintritt in die SPD

1934

29. - 31. Mai Bekenntnissynode der deutschen evangelischen Kirche in Barmen, auf der die "Barmer Theologische Erklärung" verabschiedet wird. Der Entwurf geht wesentlich auf Barth zurück.

1935 – 1962

Theologieprofessor in Basel (Barth wurde als Professor in Bonn 1935 entlassen)

Ab 1938

ermutigt Barth vor allem die Kirchen der von Hitler bedrohten bzw. von Deutschland besetzten Länder (Frankreich, Niederlande, Norwegen) sowie die Kirchen der kriegsführenden Länder zum Durchhalten im Widerstand gegen das Hitler-Regime.

1946/47

jeweils im Sommersemester Gastprofessur an der Universität Bonn

1962

Emeritierung

1968

Tod Karl Barths am 10. Dezember in Basel

1932- 1968

Literarisches Hauptwerk Barths: "Die Kirchliche Dogmatik"

Titelblatt der theologischen Schrift Barths und

1. Juli 1933

Hochgeehrter Herr Reichskanzler!

In der Beilage gestatte ich mir, Ihnen meine Schrift "Theologische Existenz heute" ehrerbietigst zu überreichen. Es handelt sich um ein Wort an die deutschen evangelischen Pfarrer, denen ich im Blick auf die kirchenpolitischen Ereignisse der letzten Zeit nahelegen möchte, sich auf ihren besonderen Ort und auf ihre eigentümliche Arbeit zu besinnen.

Es ist mir klar, hochgeehrter Herr Reichskanzler, daß die scharfe Ablehnung der sogenannten "Deutschen Christen", auf die der Leser dieser Schrift an bestimmter Stelle stößt, Ihrer Auffassung und Ihren Überzeugungen nicht entsprechen kann. Evangelische Theologie muß auch im neuen Deutschland unerbittlich und unbekümmert ihren eigenen Weg gehen.

Ich bitte Sie um Verständnis für diese Notwendigkeit.

In ausgezeichneter Hochachtung

Ihr sehr ergebener

Titelblatt der theologischen Schrift Barths und Begleitschreiben, mit dem er sie an Hitler sandte.

Merk-würdiges aus Karl Barths Leben

  1. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 traten 93 Intellektuelle und Professoren mit einem Bekenntnis zur Kriegspolitik Kaiser Wilhelms II. an die Öffentlichkeit, unter denen Barth zu seinem Entsetzen auch den Namen seiner bis dahin verehrten theologischen Lehrer fand. Die Enttäuschung über die Zustimmung seiner Lehrer zum Krieg sowie über das Versagen des Sozialismus leiteten die Veränderung seines theologischen Denkens vom Liberalismus zur "dialektischen Theologie" und zu einer kirchlich verantworteten Lehre ein.
    "Es bedeutete für mich konkret ein doppeltes Irrewerden: einmal an der Lehre meiner sämtlichen theologischen Meister in Deutschland, die mir durch das, was ich als ihr Versagen gegenüber der Kriegsideologie empfand, rettungslos kompromittiert erschien, sodann am Sozialismus, von dem ich gutgläubig genug noch mehr als von der christlichen Kirche erwartet hatte, daß er sich jener Ideologie entziehen werde, und den ich nun zu meinem Entsetzen in allen Ländern das Gegenteil tun sah."
  2. Auch nach Errichtung der Nazidiktatur hält Barth weiterhin an seiner SPD-Mitgliedschaft fest. In einem Brief an Paul Tillich vom 2. April 1933 stellt er dies als eine "praktisch-politische Entscheidung" dar. Er hält es in seiner gegebenen Lage für richtig, "... die Partei 1. der Arbeiterklasse, 2. der Demokratie, 3. des Nicht-Militarismus und 4. einer bewußten, aber verständigen Bejahung des deutschen Volkes und Staates zu ergreifen. Diese Erfordernisse einer gesunden Politik sehe ich in der SPD und nur in ihr erfüllt. Darum wähle ich diese Partei. Und weil ich die Verantwortung der Existenz dieser Partei nicht anderen überlassen, sondern selber mit übernehmen will, darum bin ich Mitglied."
  3. Zum Kirchenkampf nimmt Barth erstmalig in einer im Juni 1933 erschienenen Schrift: "Theologische Existenz heute" Stellung. In einer Zeit, in der Kirchenleute und Theologen sich in Stellungnahmen für den NS-Staat und Forderungen nach Gleichschaltung der Kirche gegenseitig zu überbieten versuchten, forderte er die Theologen auf, "Theologie und nur Theologie zu treiben", "... als wäre nichts geschehen ...". Dieser Ratschlag wird in der Folgezeit als "unpolitisch" missverstanden. Er war aber ein eminent politischer Akt der Verweigerung gegenüber dem selbst auferlegten Gleichschaltungszwang in der Kirche.
  4. Bevor Barth nach seiner Entlassung als Theologieprofessor Deutschland verlässt, schreibt er am 30.6.1935 an den reformierten Wuppertaler BK-Pfarrer Hermann Hesse:
    Die Bekenntniskirche "hat für Millionen von Unrecht-Leidenden noch kein Herz. Sie hat zu den einfachsten Fragen der öffentlichen Redlichkeit noch kein Wort gefunden. Sie redet – wenn sie redet – immer nur in der eigenen Sache. Sie hält noch immer die Fiktion aufrecht, als ob sie es im heutigen Staat mit einem Rechtsstaat von Röm. 13 zu tun habe ... Es wird mir eine peinliche Erinnerung an die letzten zwei Jahre sein und bleiben, daß ich selbst nicht kräftiger in der mir gebotenen Richtung vorgestoßen habe."
  5. Auf dem Höhepunkt der Tschechenkrise schreibt Barth am 19.9.1938 an den Prager Theologen Josef Hromadka:
    "Mit der Freiheit Ihres Volkes steht und fällt heute nach menschlichem Ermessen die von Europa und vielleicht nicht nur von Europa. … Jeder tschechische Soldat, der dann streitet und leidet, wird es auch für uns – und ich sage es ohne Vorbehalt: er wird es auch für die Kirche Jesu Christi tun, die in dem Dunstkreis der Hitler und Mussolini nur entweder der Lächerlichkeit oder der Ausrottung verfallen kann."
  6. Nach der Kapitulation Deutschlands begleitete Barth weiterhin mit kritischer Solidarität die deutsche Nachkriegsgeschichte. Er setzte sich für einen konsequenten Neuaufbau mit ernster Vergangenheitsbewältigung ein. So warnte er Gustav Heinemann vor der Gründung einer "christlich-demokratischen" Partei und kritisierte später die Remilitarisierung Westdeutschlands.
    In einem offenen Brief an einen Pfarrer in der DDR warnte er die dortige Kirche vor einem Kirchenkampf mit umgekehrten Vorzeichen; denn anders als 1933 gegenüber dem Nationalsozialismus stehe die Kirche in der DDR nirgends in der Versuchung, kommunistische Lehren in die Verkündigung aufzunehmen.
    Die kritisch-solidarische Begleitung der Kirche in beiden deutschen Staaten setzte Barth bis zuletzt fort.
Karl Barth und Gustav Heinemann 1951. Sommer 1957 in der Schweiz; (von links nach rechts): Martin Niemöller, Gertrud Stoewen, Charlotte von Kirschbaum, Else Niemöller, Jan Niemöller, Karl Barth.

Karl Barth und Gustav Heinemann 1951.

Sommer 1957 in der Schweiz; (von links nach rechts): Martin Niemöller, Gertrud Staewen, Charlotte von Kirschbaum, Else Niemöller, Jan Niemöller, Karl Barth.

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