Tafel 17
Tafel vorlesen lassenPrediger- und Vikarsausbildung (Katalog 20a)

Im Herbst 1934 richtete die Bekennende Kirche in Preußen fünf Predigerseminare zur Ausbildung ihrer Vikare ein:

Wuppertal-Elberfeld

Leiter: Hermann A. Hesse

Bielefeld-Sieker

Leiter: Otto Schmitz

Naumburg (Schlesien)

Leiter: Gerhard Gloege

Finkenwalde (Pommern)

Leiter: Dietrich Bonhoeffer

Bloestau (Ostpreußen)

Leiter: Hans Joachim Iwand

Ebenso wie die Kirchlichen Hochschulen wurden auch diese Predigerseminare von der Gestapo verboten. Sie konnten aber im Geheimen aufrecht erhalten werden, teilweise bis März 1940.

Die jungen Theologen, die an den Kirchlichen Hochschulen und in den Predigerseminaren der Bekennenden Kirche ausgebildet wurden, legten ihre Examina vor Prüfungsausschüssen der Bruderräte ab. Die Ausbildung wurde aber von der offiziellen Kirche nicht anerkannt. Das bedeutete, dass die "illegalen Vikare" nur in Bekenntnisgemeinden arbeiten konnten und ihr Gehalt durch Spenden der Gemeinden aufgebracht werden musste. Die Bekennende Kirche hatte mehrere Hundert solcher "illegalen Vikare" angestellt. Im Gegensatz zu den besoldeten Pfarrern wurden die "Illegalen" ausnahmslos zum Kriegsdienst eingezogen. Viele von ihnen sind im Krieg umgekommen.

Freie Vikarsausbildung im Garten des Predigerseminars in Finkenwalde. Der Leiter des Predigerseminars Finkenwalde, Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)

Freie Vikarsausbildung im Garten des Predigerseminars in Finkenwalde.

Der Leiter des Predigerseminars Finkenwalde, Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) (rechts), im Gespräch mit seinen Mitarbeitern Eberhard Bethge (links) und Hellmut Traub.

Bonhoeffer wollte mit seinen Vikaren im Predigerseminar das Leben einer Bruderschaft praktizieren. Seine dabei gemachten Erfahrungen beschrieb er in dem 1939 erschienenen Buch: "Gemeinsames Leben". Als das Predigerseminar in Finkenwalde im Herbst 1937 von der Gestapo aufgelöst worden war, fanden Bonhoeffer und seine Studenten Unterschlupf auf dem Gut der Familie von Kleist in Sigurdshof bei Köslin (Pommern). Wiederholt versuchte auch hier die Gestapo, die Gruppe bei ihrer verbotenen Ausbildung zu "ertappen". Als Versteck vor solchem unerbetenen Besuch diente eine Blockhütte im Walde.

Bestimmungen der Bekennenden Kirche über die Pfarrervorbildung Fluchthütte der Finkenwalder Vikare.

Bestimmungen der Bekennenden Kirche über die Pfarrervorbildung in den Kirchenprovinzen Berlin-Brandenburg und Grenzmark

Fluchthütte der Finkenwalder Vikare.

Ausweichquartier der „Finkenwalder“ im Sigurdshof bei Köslin.

Ausweichquartier der "Finkenwalder" im Sigurdshof bei Köslin.

1935

Ein Pred'gerseminar ist jüngst
entstanden auf der Insel Zingst,
wo die Bekenntniskandidaten
sich rüsten jetzt zu neuen Taten.
Doch nur für wen'ge Wochen fand
man Heimat an dem Ostseestrand;
wir wollen jetzt „auf dauernd“ ziehn
nach Finkenwalde bei Stettin.
Ein altes Gutshaus steht dort frei,
das Wohnung für uns alle sei.
Doch ist es völlig leer, man denke:
nur ein'ge Betten sind und Schränke
vorhanden in des Hauses Hallen.
Es würde drum uns sehr gefallen
und wäre unser groß Begehren,
das Mobiliar dort zu vermehren,
ein wenig Hilfe uns zu leisten;
denn dieses wissen ja die meisten,
daß unsrer Kirche in der Welt
es mangelt fürchterlich an Geld.
Wenn wir euch dürfen eines raten,
dann werdet unsres Hauses Paten!
Am besten handelt ihr bestimmt,
wenn Kreis und Stadt es übernimmt,
ein Zimmer würdig auszustatten
und zu dem Zweck uns zu erstatten
das Geld, das dafür angemessen.
(Ihr dürft natürlich nicht vergessen,
die Summe nicht zu klein zu wählen,
und dürft auf unsern Dank dann zählen,
der darin auch wird sichtbar sein,
daß eures Städtchens Name fein
an jenes Zimmer wird graviert,
das ihr so freundlich habt möbliert.)
Doch nicht gering're Freude machen
uns schlichte, gut erhaltne Sachen,
als Tische, Stühle und Regale,
auch Arbeitslampen für uns alle,
Schlafdecken, welche bei Freizeiten
den Gästen Freude soll'n bereiten:
Matratzen, die als Couch man nimmt,
erfreu'n uns selber ganz bestimmt.
Kurz alles nehmen wir gern an,
was man im Hause brauchen kann
und was, ihr wißt es, liebe Leut'
auch unsern alten Adam freut.
Zwei Dinge sind es noch indessen,
die keinesfalls ihr dürft vergessen:
daß ihr die Sachen frachtfrei schickt
und möglichst schnell uns schon beglückt.
So hoffen wir, ihr teuren Lieben,
daß wir euch nicht umsonst geschrieben.
Wenn alles dann tip-top und fein,
dann dürft ihr uns're Gäste sein!
Drum rüstet euch zu guten Taten!
Es grüßen euch die Kandidaten.
i.A.Maechler

Dieses von dem damaligen Vikar Winfried Maechler verfasste Gedicht (April 1935) wurde als Spendenbitte an die Gemeinden verschickt.

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