Tafel 10
Tafel vorlesen lassenKirchenleitung contra Gemeinde Dahlem (Katalog 14)

Der neue Reichsbischof Ludwig Müller versuchte in zunehmendem Maße, die evangelische Kirche eigenmächtig zu regieren. Am 20.12.1933 hatte er die evangelische Jugend in die Hitlerjugend eingliedern lassen – ein Weihnachtsgeschenk für den "Führer"! Schon nach der Sportpalastkundgebung hatten viele Pfarrer seine Absetzung verlangt. Um die immer stärker werdende Kritik an seiner Amtsführung abzuwürgen, erließ er am 4. Januar 1934 den "Maulkorberlaß", der es den Pfarrern – unter Androhung ihrer Entlassung – verbot, das Kirchenregiment anzugreifen.

Nach der Verkündung des "Maulkorberlasses" wurde Müllers Rücktritt noch dringlicher gefordert, so dass Hitler schließlich, um Ruhe an der "kirchlichen Front" zu bekommen, am 25.1.1934 die Kirchenführung zu einer Audienz empfing, das heißt die Landesbischöfe, den Vorsitzenden der Reformierten und Niemöller als Führer der kirchlichen Opposition. Niemöller erschien als Einziger im grauen Anzug mit blauem Hemd, eine bewusste Provokation!

Die nicht zu den Deutschen Christen gehörenden Teilnehmer wollten bei dieser Gelegenheit den Rücktritt des Reichsbischofs erreichen. Die Audienz verlief aber anders als geplant. Zu Beginn der Audienz erschien Göring und bat Hitler erregt ums Wort. Er verlas dann den Wortlaut eines Telefongesprächs, das Niemöller am Vormittag des 25. mit seinem Kollegen Künneth geführt hatte: "Wir haben unsere Minen gelegt. Es kann nichts mehr schiefgehen. Am Vormittag ist der Reichskanzler beim Reichspräsidenten, um die letzte … Ölung zu empfangen." Dieses schnoddrige Gespräch bezog sich darauf, dass Hindenburg eine Denkschrift der Kirchenführung erhalten hatte und man von ihm eine entsprechende Beeinflussung Hitlers erwartete. Hitler tobte. Es kam zu einem Wortwechsel, bei dem Niemöller alles aussprach, was er zu sagen hatte, und in dem der Anfang zu Hitlers andauerndem Hass auf ihn gesehen werden kann. Die Kirchenführer, völlig verschreckt, verbrachten den Rest der Audienz mit Loyalitätserklärungen. Von einem Rücktritt Müllers war nicht mehr die Rede.

Hermann Göring (1893-1946)

Hermann Göring (1893-1946). Reichspräsident und preußischer Innenminister unter Hitler. Er verlas beim Kanzlerempfang am 25.1.1934 das abgehörte Telefongespräch Niemöllers.

Das Abhören von Telefongesprächen als Rechtsbruch des Staates wurde mit keinem Wort kritisiert. Niemöller wird das Scheitern der Audienz angelastet. In der Presse wird er als Staatsfeind beschimpft. 2000 Pfarrer, besonders in Hannover, Bayern und Württemberg, verlassen daraufhin auf Weisung ihrer Bischöfe den Notbund.

Schon am nächsten Tag erscheint die Gestapo in der Cecilienallee 61 zu einer gründlichen Hausdurchsuchung. Niemöller selbst wird mehrere Tage lang täglich zu einer längeren Vernehmungen bestellt. Am 10.2.1934 explodiert im Treppenhaus Information des Dahlemer Pfarrhauses eine Bombe, die aber nur geringen Schaden anrichtet. Niemöller befindet sich mit seiner Frau auf einer Dienstreise. Am gleichen Tag wird er mit Wirkung vom 1. März 1934 wiederum amtsenthoben.

Die Gemeinde Dahlem lässt sich aber in ihrer Solidarität mit ihrem Pfarrer nicht beirren. Sie betrachtet ihn weiterhin als ihren rechtmäßigen Pfarrer. Ein vom Konsistorium eingesetzter neuer Pfarrer für Dahlem wird vom Gemeindekirchenrat wieder weggeschickt mit der Begründung, in Dahlem sei keine Pfarrstelle frei.

Eine Gemeindeversammlung am 21.2.1934 schickte eine Entschließung an die Kirchenbehörden mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die Kirche nicht den Pastoren oder Bischöfen gehöre, sondern in erster Linie der Gemeinde, und dass sie darum Niemöllers Entlassung nicht akzeptieren könne.

Um die Unrechtmäßigkeit seiner Entlassung juristisch zu beweisen, verklagte Niemöller seine Gemeinde auf Weiterzahlung des Gehaltes. Die Mehrheit des Gemeindekirchenrates spielte dabei mit.
Das Landgericht Berlin gab Niemöller recht mit der Begründung, die vom Reichsbischof erlassenen Gesetze, aufgrund derer er entlassen worden war, seien ungültig. Damit wurde 1935 von einem staatlichen Gericht festgestellt, dass ein großer Teil der vom Reichsbischof erlassenen Gesetze unrechtmäßig waren.

Der Gemeinderat Dahlem wird erst Wochen nach Niemöllers Entlassung offiziell benachrichtigt. Das Ausland beobachtet den Kirchenkonflikt in Deutschland aufmerksam. Bericht der Neuen Züricher Zeitung über Niemöllers Entlassung vom 5.4.1934.

Der Gemeinderat Dahlem wird erst Wochen nach Niemöllers Entlassung offiziell benachrichtigt.

Das Ausland beobachtet den Kirchenkonflikt in Deutschland aufmerksam. Bericht der Neuen Züricher Zeitung über Niemöllers Entlassung vom 5.4.1934.

Entschließung der Gemeindeversammlung in Dahlem am 21.2.1934

Entschließung

Die Verfassung der evangelischen Kirche sagt in ihrem ersten Satz: Die Kirche baut sich aus der Gemeinde auf. Der Herr Reichsbischof hat in der Begrüßungsrede bei seinem Amtsantritt diesen Grundsatz ausdrücklich bestätigt mit den Worten: "Die Kirche gehört in erster Linie der Gemeinde. Sie gehört nicht etwa den Pastoren und Bischöfen. Führung der Kirche heißt nicht herrschen in der Kirche, sondern der Gemeinde und ihren Gliedern dienen und helfen". Durch die rechtswidrige Zurruhesetzung unseres Pfarrers und andere ähnliche Willkürhandlungen wird dieser entscheidende Grundsatz evangelischen Lebens verletzt und Schritt für Schritt die Gemeindekirche in eine Obrigkeitskirche verwandelt. Die am 21. Februar im Gemeindehaus versammelten 600 Mitglieder der Gemeinde Dahlem erklären: Wir sind entschlossen, Pfarrer Niemöller auch weiterhin als berufenen und verordneten Diener des Wortes Gottes in unserer Gemeinde anzusehen, ihn zu hören, wo immer wir können, Ausübung kirchlicher Amtspflichten von ihm zu erbitten und entgegenzunehmen, ihn nach unseren Kräften zu ehren und zu schützen als geistlichen Führer in der gerechten Sache des Evangeliums.

Berlin-Dahlem, den 21. Februar 1934.

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