Tafel vorlesen lassenWorte zum Geleit von Kurt Schaf

titelblatt'Aus persönlicher Sicht' soll ich ein paar Worte zum Geleit der Ausstellung schreiben, die auf Wanderschaft geschickt wird in Gemeinden, die 'aus Erfahrung lernen' wollen. Ich kannte die Gemeinde Dahlem schon aus den Zwanziger Jahren. Ich war dort beim Amtsvorgänger von Martin Niemöller, dem späteren Generalsuperintendenten Johannes Eger, von 1925–1927 Vikar. Im vornehm verhaltenen Villenvorort gab es einen Gemeindekirchenrat aus eigenständig mündigen 'Ältesten', höheren Beamten, Wissenschaftlern und Künstlern, Gymnasiallehrern und leitenden Juristen. Sie planten für den Ausbau der Gemeinde, regelten die Verwaltung und organisierten die Gemeindeversammlungen. Der Pastor war frei für seine eigentliche Aufgabe als Prediger, Unterrichtender und Seelsorger. Auch diese Gemeinde und ihre Ältesten haben, wie Dokumente der Ausstellung zeigen, am Nationalsozialismus lernen müssen. Ihr Patriotismus neigte zu einem Vorurteil des Vertrauens gegenüber den verfänglichen Parolen Adolf Hitlers. Doch nicht nur der Gemeindekirchenrat, auch die Großgemeinde der Kirchgänger begriff schnell, welcher Praktiken die 'revolutionäre Staatsführung' sich bediente, um Macht über das Volk zu gewinnen und auszubauen. Entscheidend dazu half, dass und wie die Gemeinde von ihren Pfarrern über die Vorkommnisse in der Kirche und in der Umwelt der Kirche informiert wurde. Im Gottesdienst und den – überfüllten – wöchentlichen Versammlungen der 'Bekennenden Gemeinde' erfuhren die Teilnehmer, was sich in Stadt und Land, in den Kanzleien der Regierung, der Kirchenbehörden, der Partei und in Gefängnissen und Konzentrationslagern zutrug. Sie wurde geübt darin, in Hausandacht und Gotteshaus unter Namensnennung konkret und öffentlich für Bedrängte und Verfolgte zu beten. sich zu ihnen zu stellen und ihnen – wenigstens zeichenhaft, gelegentlich auch nachhaltig – zu helfen.

'Bekennende Gemeinde' versuchte, das von der Kirche anvertraute Amt offenen Zeugnisses, priesterlichen Einstehens und 'materieller Hilfe' legitim = illegal gegen den Rechts- und Instanzenzug staatskirchlicher Behörden autonom wahrzunehmen. Deshalb bestritt sie den Behörden das Recht, im Namen der Kirche zu reden und zu handeln. Auch was der vom NS-Staat ernennte "Geistliche Vertrauensrat" zu Kriegsbeginn und beim Überfall auf die Sowjetunion an 'Verlautbarungen' erließ, waren nicht Worte unserer evangelischen Kirche, es war falsche Prophetie der Unkirche! So empfanden wir es, und so urteile ich – im Rückblick – auch heute! Die Ausstellung lehrt, wie wichtig für eine rechte Glaubensentscheidung klare Information ist und ein – an Gottes Wort im Studium der heiligen Schrift geschultes – Urteil, gemeinsames Gebet und Fürbitte füreinander! Möge vernommen werden, was sie anbietet!

Unterschrift Kurt Scharf

10.11.1982 Kurt Scharf

 

 

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