Ausstellung "UNTERWEGS ZUR MÜNDIGEN GEMEINDE – Die Evangelische Kirche im Nationalsozialismus am Beispiel der Tafel vorlesen lassenGemeinde Dahlem"

titelblattAls Anfang der 1980er Jahre im ehemaligen Pfarrhaus der Kirchengemeinde Berlin-Dahlem an der Pacelliallee die Idee Gestalt annahm, in diesem Gebäude ein "Friedenszentrum Martin-Niemöller-Haus" einzurichten, stellte sich vor allem unter den jüngeren Beteiligten bald die Frage: "Was sind die Wurzeln eines solchen Unternehmens? Woran knüpft dieses Zentrum an?"
Sicher, Martin Niemöller lebte und arbeitete in diesem Haus als Pfarrer. Mit ihm eine große Familie. Und sonst? Was war hier los?, fragten die Jüngeren und die Älteren fingen an zu erzählen. Sie erzählten nach und nach, was sie selbst erlebt hatten in und um dieses Haus. Gaben Geschichten wieder, die sie gehört hatten. Erinnerten sich an Anekdoten. Das Martin-Niemöller-Haus war bereits vor seiner Eröffnung eine Erzählgemeinschaft. In ihr gewann die eine große Erzählung "Dahlemer Gemeinde im Nationalsozialismus" Konturen, nahm Farbe an und ließ die beteiligten Menschen immer deutlicher hervortreten: ihre Namen, ihr Leben, ihre Taten, ihren Glauben und ihre Zweifel.
Einige machten sich daran, die Erzählungen zu sortieren, historisch einzuordnen und weiteres zeitgenössisches Material zu suchen. Das Ergebnis war die Ausstellung "Unterwegs zur mündigen Gemeinde", die im Jahr nach der Eröffnung des Friedenszentrums Martin-Niemöller-Haus im Januar 1982 präsentiert werden konnte. Die große Erzählung von dem, was in diesem Haus 1933 – 45 geschah und in der benachbarten St. Annenkirche, im Gemeindehaus an der Thielallee und in vielen Privathäusern Dahlems, war anschaulich geworden.
Die Ausstellung selber erfuhr großes Interesse. Ein Jahr nach der Eröffnung erschien sie als Katalog. Danach ging sie auf Reisen und wurde an vielen Orten in Deutschland gezeigt. Zum Kirchentag 1989 wurde sie überarbeitet und erhielt eine neue Gestalt. Inzwischen, 28 Jahre nach der ersten Präsentation, ist sie selbst ein historisches Dokument. Ihre Entstehung ist eingebettet in die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre, in die Auseinandersetzungen um die "Nachrüstung" und die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen in Mitteleuropa. Inmitten dieser Bewegung ragten Menschen hervor, die schon einmal gegen den Strom geschwommen waren, die "zornigen alten Männer" wie Helmut Gollwitzer oder Kurt Scharf, deren Wirken eng mit den Dahlemer Geschichten verbunden war.
Die Entstehung der Ausstellung war auch eingebettet in den Prozess innerhalb der evangelischen Kirche, ihr Verhältnis zum Judentum und zu Israel neu zu begreifen. "Aktion Sühnezeichen", Mitbegründer des Friedenszentrums Martin-Niemöller-Haus, hat dafür wesentlich mit den Boden bereitet. Die Ausstellung zeigt en detail und anhand einzelner Menschen in der Dahlemer Gemeinde, wie Hilfe für Menschen, die als "nicht-arisch" verfolgt wurden, Gestalt annahm und theologische Neubesinnung initiierte. Der Titel der Ausstellung war zugleich Programm: "Mündige Gemeinde". Im Blick auf heutige kirchliche Wirklichkeit ruft er Fragezeichen hervor. Der derzeit angesagte Reformprozess innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland hebt auf kaufmännische Optimierung der Kirchenorganisation ab. Sicherung der Marktanteile im Wettbewerb der Sinnstiftungsangebote wird zum gar nicht geheimen Regenten kirchlichen Handelns. Die Dahlemer Bekennende Gemeinde und mit ihr der radikale Flügel der Bekennenden Kirche sah in dem Bestreben, den Bestand der Kirche unter den Bedingungen der Diktatur (und zu deren Bedingungen) zu sichern, den eigentlichen kirchlichen Sündenfall. Sie lernte, Kirche zu sein unter weitgehendem Verzicht auf äussere Gehäuse und auf staatskirchenrechtliche Privilegien, und bewahrte und stärkte darin ihre Mündigkeit.

Wenn jetzt die Ausstellung "Unterwegs zur mündigen Gemeinde" ortsungebunden im Internet präsentiert wird, dann werden damit die Dahlemer Geschichten exemplarisch für das, was christlichen Gemeinden in aller Welt widerfahren kann an Blüte und an Tragik. Friedrich-Wilhelm Marquardt, Professor für Evangangelische Theologie an der Freien Universität Berlin und Prediger in den Dahlemer Kirchen, bezeichnete die Bekennenden Gemeinden als den "einzig dünnen Faden apostolischer Sukzession in Deutschland". Die Ausstellung macht die Beschaffenheit dieses dünnen Fadens anschaulich und begreiflich.

Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs
Pfarrer in der württembergischen Landeskirche


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